Inhaltlich geprüft und verantwortlich: Frank Willeke
Eine Stimme, viele Leben: Für die einen war Gottfried Kramer der griesgrämige Oskar aus der „Sesamstraße“. Für andere sprach er das Wunderauto K.I.T.T. in „Knight Rider“ oder Marlon Brando in „Der Pate“. Und wer als Kind Piggeldy und Frederick zuhörte, hörte ihn gleich dreifach – als Erzähler und als beide Schweinebrüder. Ein bemerkenswerter deutscher Sprecher, dessen Karriere zugleich eng mit dem norddeutschen Fernseh- und Hörspielbetrieb verknüpft war.
Der Schauspieler, Synchron- und Hörspielsprecher Gottfried Kramer (1925–1994) konnte seine raue, unverwechselbare Stimme ganz unterschiedlich einsetzen: mal humorvoll und warm, mal bedrohlich, herrisch oder völlig trocken. Auf seine Präsenz kam es an, auch wenn die Zuschauer sein Gesicht oft gar nicht sahen. Die Deutsche Synchronkartei dokumentiert mehr als 600 Sprechrollen – keine abschließende Gesamtzählung seines Schaffens, aber ein Eindruck von dessen Umfang.
Oskar aus der Mülltonne – und K.I.T.T. aus dem Cockpit
Zwei Fernsehfiguren zeigen Kramers Bandbreite besonders deutlich. In der deutschen „Sesamstraße“ lieh er Oskar, dem notorisch schlecht gelaunten Bewohner der Mülltonne, seine Stimme. In der deutschen Fassung der US-Serie „Knight Rider“ war er dagegen als K.I.T.T. zu hören: als elektronischer Partner von Michael Knight, dessen Sprachwitz auch ohne sichtbares Gesicht funktionierte.
Beide Rollen sind beim Film- und Fernsehmuseum Hamburg dokumentiert. Die Deutsche Synchronkartei weist K.I.T.T. als Synchronrolle für den Originalsprecher William Daniels aus. Ein einzelner Sprecher konnte somit gleichzeitig Kindheitserinnerungen und die populäre Science-Fiction-Ästhetik der 1980er-Jahre prägen.
Drei Rollen in einer Geschichte: Piggeldy und Frederick
Eine besondere Leistung steckt in einer erstaunlich kleinen Rollenbesetzung: Kramers Stimme genügte, um die Welt von Piggeldy und Frederick hörbar zu machen. Er sprach den neugierigen Piggeldy, den geduldig antwortenden Frederick und den Erzähler. Drei Funktionen, ein Sprecher – und dennoch blieb das Gespräch der beiden Schweinebrüder für Kinder mühelos verständlich.
Die Texte stammten von Elke Loewe, die Figuren und die Legetrickanimation von Dieter Loewe. Entstanden ist die Serie im Raum Stade, in einer ehemaligen Schule in Mulsum-Hohenmoor. In unserem NOIO-Porträt über Elke Loewe erzählen wir ausführlich, wie das kleine norddeutsche Studio Fernsehgeschichte schrieb. Kramers Beitrag war die Stimme, die den Figuren ihren akustischen Charakter verlieh.
Der Pate, Amadeus und der Name der Rose: eine Stimme für das Kino
Wer Kramer nur aus dem Kinderfernsehen kannte, erlebte ihn im Kino unter völlig anderen Vorzeichen. Er sprach Marlon Brando als Don Vito Corleone in der ersten deutschen Kino-Synchronfassung von „Der Pate“ und als Colonel Kurtz in „Apocalypse Now“. Die Schwere seiner Stimme passte zu Figuren, bei denen jedes gesprochene Wort Gewicht haben sollte.
Auch F. Murray Abraham erhielt in deutschen Synchronfassungen Kramers Stimme: als Antonio Salieri in „Amadeus“ (erste Synchronfassung) und als Bernardo Gui in „Der Name der Rose“. Diese und zahlreiche weitere Besetzungen lassen sich in der Deutschen Synchronkartei nachlesen. Wer diese Filme heute in anderen Fassungen anschaut, kann allerdings auch andere Synchronstimmen hören – ein Grund, die konkrete Fassung stets mitzudenken.
Hörspielkassetten: Java-Jim und Kapitän Haddock
In der Hörspielwelt der 1970er- und 1980er-Jahre hinterließ Kramer ebenfalls markante Spuren. Bei „Die drei ??? und der Phantomsee“ sprach er Professor Shay alias Java-Jim; auf der damaligen Aufnahme war er unter dem Pseudonym „Heinz Überreiter“ verzeichnet. In „Die drei ??? und der Fluch des Rubins“ war er als Rama Sidri Rhandur zu hören. Die jeweiligen Besetzungen dokumentiert das Archiv Die Hörspielforscher sowie dessen Eintrag zum Fluch des Rubins.
Eine weitere Hauptrolle übernahm er als Kapitän Haddock in der Maritim-Hörspielreihe „Tim und Struppi“. Bei der Folge „Reiseziel Mond“ von 1984 führt das Hörspielarchiv Kramer neben Lutz Schnell als Tim und Joachim Wolff als Professor Bienlein auf. Die raue Sprechweise wurde hier zum idealen Instrument eines reizbaren, aber keineswegs gefühllosen Seemanns.
Eine überraschende Verbindung nach Stade: „Kanalligator“
Ausgerechnet im Ausstellungsmagazin des Kunsthauses Stade findet sich ein weiterer Beleg, der mehrere Geschichten unseres Kulturressorts miteinander verbindet: 1981 war Gottfried Kramer Sprecher des 20-minütigen WDR-Animationsfilms „Kanalligator“. Regie, Buch, Zeichnung und Animation lagen bei Franz Winzentsen und Ursula Asher-Winzentsen. Als Sprecher wird Kramer in der detaillierten Werkchronik ausdrücklich genannt.
Das ist mehr als eine zufällige Namensnennung: Kramer sprach Piggeldy und Frederick, während Ursula Asher-Winzentsen später auch an einer Buchausgabe über die Schweinebrüder als Illustratorin beteiligt war. Die Filmverbindung zu Franz und Ursula führt zu unserem Porträt über Franz Winzentsen. Die Originalquelle ist das Ausstellungsmagazin „Fake, Figuren und Fiktion“ der Museen Stade (2023, Werkchronik Seite 14–15). Daraus lässt sich eine nachvollziehbare berufliche Überschneidung ableiten – keine darüber hinausgehende private Verbindung.
Nicht nur Stimme: „Onkel Bräsig“ und Elke Loewe
Eine zweite, bislang wenig beachtete Verbindung zu Elke Loewe zeigt die Fernsehserie „Onkel Bräsig“. Kramer spielte 1980 in acht Folgen den Postmeister. Elke Loewe war an 21 Drehbüchern der von 1978 bis 1980 ausgestrahlten Serie beteiligt. Die Besetzungs- und Drehbuchliste von fernsehserien.de führt beide namentlich. Eine konkrete Überschneidung ist inzwischen belegt: Der NDR führt für die Folge „Ein Bauer aus Mecklenburg“ Kramer als Postmeister und Elke Loewe als Drehbuchautorin auf. Damit ist ihre Mitwirkung an mindestens einer gemeinsamen Folge dokumentiert; für wie viele weitere Folgen das gilt, bleibt offen.
Für NOIO zeigt sich ein wiederkehrendes Motiv: In der norddeutschen Fernsehlandschaft jener Jahrzehnte überschnitten sich Stimmen, Autoren und Filmemacher häufiger, als ihre getrennten Werkverzeichnisse vermuten lassen. Kramer war ein Teil dieses Netzwerks – und zugleich mit jeder seiner Stimmen in einer ganz eigenen Welt zu Hause.
Ein tragisches Lebensende
Gottfried Kramer starb am 30. Mai 1994 in Hamburg. Nach Angaben der Deutschen Synchronkartei nahm er sich nach dem Tod seiner Ehefrau das Leben; er habe ihren Verlust nicht überwinden können.
Zum Sterbedatum: Das Generalregister für Sterbefälle 1994 des Staatsarchivs Hamburg nennt den 30. Mai 1994. Die Deutsche Synchronkartei führt abweichend den 30. Juni 1994.
Was von einer Stimme bleibt
Seine Arbeit lässt sich nicht auf den einen großen Film oder die eine Serienfigur reduzieren. Wer K.I.T.T. hört, denkt kaum an Oskar. Wer den Erzähler von Piggeldy und Frederick wiedererkennt, ahnt vielleicht nicht, dass derselbe Mann einem der berühmtesten Film-Paten eine deutsche Stimme gab. Gerade diese Wandlungsfähigkeit macht sein Werk bemerkenswert.
Die Originalaufnahmen, Hörspiele und Filme bewahren etwas, das sich nur schwer in ein Foto fassen lässt: das genaue Tempo, die Pausen, die Rauheit und den Tonfall einer Stimme. Kramer war ein Künstler, dessen größter Wiedererkennungswert im Hören lag.
Quellen und weiterführende Recherchen
- Film- und Fernsehmuseum Hamburg: Gottfried Kramer
- Deutsche Synchronkartei: Sprechrollen und Fassungen
- Museen Stade: Winzentsen-Ausstellungsmagazin, Werkchronik 1981
- fernsehserien.de: Onkel Bräsig – Cast & Crew
- Die Hörspielforscher: Die drei ??? und der Phantomsee
- Die Hörspielforscher: Tim und Struppi – Reiseziel Mond
Redaktioneller Hinweis: Bei Gottfried Kramers exaktem Geburts- und Sterbedatum weichen öffentlich zugängliche Datenbanken voneinander ab. NOIO orientiert sich beim Sterbedatum am Generalregister des Staatsarchivs Hamburg (30. Mai 1994) und macht die abweichende Angabe der Deutschen Synchronkartei (30. Juni 1994) kenntlich. Beim Geburtsdatum werden hier bewusst nur die übereinstimmend belegten Lebensjahre 1925–1994 genannt.
Aufmacherbild: KI-generierte Illustration (OpenAI/NOIO); keine historische Aufnahme von Gottfried Kramer.