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Franz Winzentsen: Wie ein Bildwerker aus der Region den deutschen Animationsfilm prägte

Inhaltlich geprüft und verantwortlich: Frank Willeke

Franz Winzentsen nennt sich selbst lieber „Bildwerker und Filmemacher“ als nur Trickfilmer. Das passt: Seit den 1960er-Jahren verbindet er Zeichnung, bewegte Grafik, Fundstücke, Puppen, Fotografie, Malerei und Film zu einer sehr eigenen Bildwelt. Viele seiner Arbeiten sind verspielt und absurd, zugleich aber überraschend politisch. Und ein wichtiger Teil dieses Werks ist eng mit Norddeutschland und dem Landkreis Stade verbunden.

Wer nur den rund 20 Sekunden langen Vorspann der NDR-Gruselreihe „Mumien, Monstren, Mutationen“ kennt, sieht deshalb nur einen winzigen Ausschnitt. Winzentsens Werk reicht vom experimentellen Animationsfilm über Kinderfernsehen und Figurentheater bis zu Installationen und autobiografischen Filmen. 2023 widmete ihm das Kunsthaus Stade mit „Fake, Figuren und Fiktion“ erstmals eine große Überblicksausstellung.

Vom Grafikstudium zum ersten Film der HFBK

Franz Winzentsen wurde 1939 in Hamburg geboren. Von 1959 bis 1964 studierte er an der Hochschule für bildende Künste Hamburg Malerei, Grafik und Fotografie. Seine Examensarbeit „Verfolgung“ war zugleich ein Stück Hochschulgeschichte: Weil es dort noch keine eigentliche Filmausbildung gab, wurde der Animationsfilm als „kinetische“ beziehungsweise bewegte Grafik zugelassen. Filmportal und HFBK führen ihn als den ersten an der Hochschule produzierten Film.

Schon darin liegt ein Grundzug seines späteren Werks. Winzentsen denkt Animation nicht bloß als gezeichnete Unterhaltung, sondern als Erweiterung von Grafik und bildender Kunst in die Zeit. Bilder werden bewegt, Fundstücke verwandeln sich in Figuren, Alltagsgegenstände bekommen plötzlich eine Biografie.

Cinegrafik, Hamburger Filmszene und der Weg zum unabhängigen Film

Nach dem Studium arbeitete Winzentsen im Trickfilmstudio Cinegrafik von Helmut Herbst. Dort entstanden Animationsteile für Industrie- und Dokumentarfilme sowie Arbeiten fürs Fernsehen. Später wurde Winzentsen Partner des Studios. Gemeinsam mit Ursula Asher-Winzentsen gehörte er in der zweiten Hälfte der 1960er-Jahre zur aktiven Hamburger Filmszene.

1968 gehörten beide zu den Mitbegründern der Hamburger Filmmacher-Cooperative. Die Gruppe wollte Filme unabhängig von den üblichen Produktions- und Verleihstrukturen herstellen und zeigen. Film wurde nicht nur als Ware oder Fernsehformat verstanden, sondern als eigenständige künstlerische Sprache.

Ursula Asher-Winzentsen, Sesamstraße und über 90 Kinderfilm-Beiträge

Zum Kinderfernsehen trug Franz Winzentsen in enger Zusammenarbeit mit der Filmemacherin Ursula Asher-Winzentsen bei, seiner damaligen Ehefrau. Die Museen Stade bestätigen ausdrücklich, dass beide auch Animationsbeiträge für die „Sesamstraße“ schufen. Die konkreten Titel und Ausstrahlungsdaten dieser Sesamstraßen-Beiträge lassen sich aus den bislang öffentlich zugänglichen Werkverzeichnissen jedoch nicht eindeutig bestimmen.

Deutlich genauer dokumentiert ist ihre Arbeit für andere NDR-Kindersendungen: Laut dem Ausstellungsmagazin des Kunsthauses Stade von 2023 produzierten sie insgesamt mehr als 90 ein- bis zweiminütige Animationsfilme. Dazu gehörten rund 60 „Franz“-Kurzfilme (1971–1974) und 32 „Flüsterpferd“-Filme (1976–1978), unter anderem für die NDR-Kindermagazine „Lapislazuli“ und „Der Wolf und die Frau“. Jeweils eine Auswahl erschien später als halbstündiger Film: „Geschichten vom Flüsterpferd“ (1978, elf Episoden) und „Geschichten vom Franz“ (1979, zehn Episoden).

Hinzu kamen gemeinsame Filme für den WDR: „Starmaus“ (1976), „Als die Igel größer wurden“ (1979) und „Kanalligator“ (1981) wurden später unter dem Titel „Professorengeschichten“ gezeigt. Diese Werke sind nicht mit den bislang unidentifizierten Sesamstraßen-Clips gleichzusetzen. Das eigene Kinderfilm-Werkverzeichnis bestätigt die Zusammenarbeit; Filmportal nennt beide bei „Als die Igel größer wurden“ ausdrücklich für Regie, Drehbuch, Zeichnungen und Animation. Eine weitere überraschende Verbindung zur regionalen Kinderfernsehgeschichte zeigt das NOIO-Porträt von Elke Loewe: Ursula Asher-Winzentsen wird auch als Illustratorin eines späteren Piggeldy-und-Frederick-Sammelbandes genannt.

20 Sekunden Fernsehgeschichte: „Mumien, Monstren, Mutationen“

Für viele Zuschauer ist Winzentsen bis heute mit einem sehr kurzen Stück Fernsehgeschichte verbunden: 1967 gestaltete er den Vorspann zur NDR-Gruselreihe, die unter dem Titel „Mumien, Monstren, Mutationen“ bekannt wurde. Die surrealen Bildfolgen blieben über Jahre im Gedächtnis – obwohl der eigentliche Film nur Sekunden dauerte.

NOIO hat diese norddeutsche Fernseherinnerung bereits ausführlich eingeordnet. Hier geht es zum Hintergrundartikel über „Mumien, Monstren, Mutationen“, Franz Winzentsen und Elke Loewe.

Staub, Windstill und der Turm: bewegte Grafik statt klassischer Cartoon

Zu den frühen Arbeiten gehören „Staub“ von 1967, „Windstill“ von 1969 und „Der Turm“ aus den 1970er-Jahren. „Staub“, gemeinsam mit Ursula Winzentsen entstanden, erhielt beim internationalen Animationsfilmfestival in Annecy einen Jurypreis. In diesen Filmen entwickelte Winzentsen eine Arbeitsweise, die sich deutlich vom klassischen Zeichentrick unterschied: Flächen, Fundmaterial und grafische Elemente wurden zum beweglichen Bildraum.

Das Ergebnis wirkt oft bewusst handgemacht. Gerade diese sichtbare Materialität ist ein Kennzeichen seiner Filme. Sie wollen nicht so tun, als wären sie eine perfekte künstliche Welt. Papier, Holz, Draht, Fotos oder Gegenstände dürfen als Material erkennbar bleiben.

Rhabarber: Wenn aus Fundstücken Figuren werden

Puppen der Figurentheatergruppe Rhabarber von Franz Winzentsen
Puppen der Gruppe Rhabarber, undatiert. Foto: Franz Winzentsen. Quelle: Museen Stade.

Film war nur ein Teil der Arbeit. In den 1970er- und frühen 1980er-Jahren gehörte Winzentsen zur Figurentheatergruppe „Rhabarber“. Er fertigte Marionetten und Handpuppen und wirkte selbst bei Aufführungen mit. Das Kunsthaus Stade beschreibt diese Theaterarbeit als wichtigen Bestandteil seines Werks.

Die Nähe von Figurentheater und Animation ist offensichtlich: In beiden Fällen wird unbelebtes Material durch Bewegung und Inszenierung zu einer Figur. Was auf der Bühne mit Puppe und Spieler geschieht, kann im Film Bild für Bild weitergeführt und verfremdet werden.

Franz, Flüsterpferd und Filme für Kinder

Flüsterpferd-Kopf an einer Garderobe von Franz Winzentsen
Franz Winzentsen: Flüsterpferd-Kopf an der Garderobe, undatiert. Foto: Museen Stade / Carsten Dammann. Quelle: Museen Stade.

Nach der Geburt der Tochter Hannah wandten sich Franz und Ursula Asher-Winzentsen verstärkt auch Kinderfilmen zu. Für NDR-Kindersendungen entstanden zahlreiche kurze Beiträge der Reihen „Franz“ und „Flüsterpferd“. Dazu kamen längere Filme wie „Starmaus“, „Als die Igel größer wurden“, „Kanalligator“, „Der Kleistermann“ und „Die Schubkarre“. Eine zusätzliche personelle Verbindung zur Piggeldy-und-Frederick-Geschichte: Den Film „Kanalligator“ (1981) sprach Gottfried Kramer, der auch als Erzähler und Stimme beider Schweinebrüder zu hören war. Das belegt die Werkchronik der Museen Stade.

Diese Arbeiten zeigen eine andere Seite desselben Künstlers. Die Filme sind zugänglicher, behalten aber den spielerischen Umgang mit Bild, Bewegung und absurden Ideen. Winzentsens Kinderfilm ist nicht einfach vereinfachter Erwachsenenfilm – er nimmt kindliche Fantasie als eigene Form des Denkens ernst.

Das Animationstagebuch: kleine Filme, große Ideen

Seit Anfang der 1980er-Jahre bündelte Winzentsen viele kürzere Arbeiten unter dem Begriff „Animationstagebuch“. Dazu gehören „Flamingo“, „Der große Sturm“ und später „Der Porzellanladen“. Die einzelnen Episoden können Alltagsbeobachtung, politische Satire, persönliche Erinnerung und völlig absurde Versuchsanordnung zugleich sein.

„Flamingo – aus meinem Animationstagebuch“ wurde 1984 mit dem Großen Preis beim Internationalen Trickfilmfestival Stuttgart ausgezeichnet. Die Reihe zeigt besonders gut, wie Winzentsen arbeitet: Aus einer kleinen Beobachtung oder einem Gegenstand entsteht eine eigene Welt, die sich oft erst im zweiten Blick als Kommentar auf Gesellschaft oder Geschichte lesen lässt.

Biografie und deutsche Geschichte

Mit Filmen wie „Die Anprobe (1938)“, „Die Königin des schwarzen Marktes“ oder „Der Fotograf“ rückten autobiografische und historische Motive stärker in den Vordergrund. Winzentsen verbindet persönliche Erinnerung mit Bildern aus Krieg, Nachkriegszeit und Wirtschaftswunder. Dabei vermeidet er den Ton eines klassischen Geschichtsfilms. Dokumentarisches Material, verfremdete Bilder und scheinbar naive Kommentare stehen nebeneinander und erzeugen Reibung.

„Die Königin des schwarzen Marktes“ erhielt 1989 den Hauptpreis beim Kurzfilmfestival in Berlin. Der Langfilm „Der Fotograf“ entstand mit Thomas Mitscherlich und verbindet Realfilm und Animation zu einer fiktiven Chronik deutscher Geschichte.

Professor für Animationsfilm – und prägend für eine neue Generation

1987 kehrte Winzentsen an die HFBK Hamburg zurück, diesmal als Professor für Animationsfilm. Die Hochschule führt ihn für die Jahre 1987 bis 2001 in ihrer Professorenliste. Filmportal nennt seine Lehrtätigkeit bis zu seiner Pensionierung Anfang der 2000er-Jahre.

Seine Vorstellung von Animationsfilm blieb dabei weit entfernt von der Idee, Animation müsse vor allem eine vorhandene Geschichte illustrieren. In einem späteren HFBK-Projekt betonte er, dass eigenständige Animationsfilme originäre Äußerungen in der Sprache des Animationsfilms sein sollten.

Im Jahr 2000 erhielt Winzentsen den Niedersächsischen Kunstpreis im Bereich Film für sein Gesamtwerk.

Kutenholz: Atelier im ehemaligen Güterschuppen

Figur aus Fundstücken von Franz Winzentsen
Franz Winzentsen: Figur aus Fundstücken, undatiert. Foto: Museen Stade / Carsten Dammann. Quelle: Museen Stade.

Seit den 1990er-Jahren arbeitet Winzentsen in einem Atelier in Kutenholz. Der Ort passt zu seiner Kunst: ein ehemaliger Güterschuppen, gefüllt mit Bildern, Objekten, Material und Fundstücken. Aus Dingen, die andere wegwerfen würden, entstehen Figuren, Kästen, Modelle und manchmal die Ausgangspunkte neuer Filme.

Seit den 2000er-Jahren wurden Malerei, Zeichnung, Skulptur und Installation noch sichtbarer. Winzentsens Arbeiten lassen sich deshalb immer weniger sauber in „Film“ und „bildende Kunst“ trennen. Filmportal beschreibt Objektkästen und Skulpturen als wichtigen Teil seiner Arbeit; seit 2009 widmete er sich zudem intensiver der Malerei.

Handfeger mit Schnäbeln: „Die Konferenz oder die Rückseite des Mondes“

Wie weit Winzentsen aus einfachen Dingen eine ganze Welt entwickeln kann, zeigt „Die Konferenz oder die Rückseite des Mondes“ von 2012. Ausgangspunkt waren alte Handfeger aus den Hallen der ehemaligen Zeise-Schiffsschraubenfabrik in Hamburg-Altona. In Winzentsens Kunst wachsen ihnen Schnäbel, sie beginnen miteinander zu kommunizieren und beraten über Arbeit, Konsum und Wegwerfgesellschaft.

Die Deutsche Film- und Medienbewertung verlieh dem sechsminütigen Animationsfilm das Prädikat „besonders wertvoll“. Gerade dieser Film macht deutlich, dass Winzentsens Humor selten nur Selbstzweck ist. Hinter dem absurden Einfall steckt fast immer eine zweite Ebene.

Weitere späte Arbeiten: Stadtmusikanten, Astronauten und Stromausfall

Auch nach seiner Zeit an der Hochschule arbeitete Winzentsen weiter. „Die so genannten Bremer Stadtmusikanten“ von 2009 nimmt das bekannte Märchen als Ausgangspunkt einer eigenwilligen Spurensuche. „Heimaturlaub – aus dem Skizzenbuch eines Astronauten“ von 2016 verbindet Weltraumfantasie mit autobiografischen Elementen. Im 2018 entstandenen „Stromausfall“ führt Winzentsen mit einer Taschenlampe durch sein eigenes Atelier – eine Führung durch Werk, Material und Erinnerungen unter ungewöhnlichen Bedingungen.

2020 wurde „Völkerwanderung – ein Missverständnis“ uraufgeführt. Die Arbeiten zeigen, dass Winzentsens Methode über Jahrzehnte erstaunlich konstant geblieben ist: genau beobachten, Material sammeln, Dinge neu zusammensetzen und daraus eine Erzählung bauen, die zwischen Ernst und trockenem Humor pendelt.

2023 in Stade: „Fake, Figuren und Fiktion“

Das Kunsthaus Stade zeigte vom 17. Juni bis 31. Oktober 2023 die Ausstellung „Fake, Figuren und Fiktion – Die bewegte Welt des Franz Winzentsen“. Filme, Puppen, Objekte, Installationen, Zeichnungen und Gemälde wurden über drei Etagen zusammengeführt. Nach Angaben der Museen Stade war es die erste Gelegenheit, einen solchen Überblick über die Breite seines Werks zu sehen.

Gerade für die Region ist diese Ausstellung mehr als eine Rückschau. Sie zeigt, dass experimentelle Film- und Mediengeschichte nicht nur in Berlin, München oder großen Studios stattgefunden hat. Ein Teil davon führt direkt nach Kutenholz und Stade.

Ausgewählte Werke

  • 1964: „Verfolgung“ – Examensfilm und erster an der HFBK produzierter Film
  • 1967: „Staub“ – früher Legetrickfilm, international ausgezeichnet
  • 1967: Vorspann zu „Mumien, Monstren, Mutationen“ / NDR-Gruselkabinett
  • 1970er: „Der Turm“ – bewegte Grafik
  • 1970er/80er: „Franz“, „Flüsterpferd“, „Starmaus“, „Kanalligator“ und weitere Kinderfilme
  • 1980–82: „Flamingo – aus meinem Animationstagebuch“
  • 1985: „Die Anprobe (1938)“
  • 1988: „Die Königin des schwarzen Marktes“
  • 1988/89: „Der Fotograf“
  • 1991: „Der Untergang des goldenen Webstuhls“
  • 1995: „Der Porzellanladen“
  • 2009: „Die so genannten Bremer Stadtmusikanten“
  • 2012: „Die Konferenz oder die Rückseite des Mondes“
  • 2016: „Heimaturlaub – aus dem Skizzenbuch eines Astronauten“
  • 2018: „Stromausfall“

Warum Franz Winzentsen heute noch interessant ist

Winzentsens Werk wirkt erstaunlich gegenwärtig, gerade weil es technisch oft bewusst einfach aussieht. Heute können Bilder in Sekunden digital erzeugt und verändert werden. Winzentsen arbeitet dagegen mit sichtbarem Material, mit Händen, Papier, Fundstücken und kleinen Bewegungen. Aber auch seine Kunst erzeugt künstliche Welten, verschiebt Wirklichkeit und stellt die Frage, was wir Bildern glauben.

Vielleicht erklärt das, warum der Titel der Stader Ausstellung so gut passt: „Fake, Figuren und Fiktion“. Drei Begriffe, die heute nach künstlicher Intelligenz und digitaler Bildmanipulation klingen könnten – bei Winzentsen aber schon seit Jahrzehnten Teil einer analogen, sehr persönlichen Bildsprache sind.


Quellen und weiterführende Informationen


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