Inhaltlich geprüft und verantwortlich: Frank Willeke
Viele kennen Elke Loewe vor allem als die Frau hinter Piggeldy und Frederick. Das greift zu kurz. Die 1940 in Celle geborene Autorin hat über Jahrzehnte für Fotografie, Werbung, Kinderfernsehen, Fernsehserien, den „Tatort“, historische Romane, Regionalkrimis und Naturbücher gearbeitet. Ein großer Teil dieses Werks entstand im Elbe-Weser-Raum – zwischen Moor, Marsch, Oste und Elbe. 2021 rückte das Kunsthaus Stade mit der Ausstellung „50 Jahre Piggeldy & Frederick – Nichts leichter als das …“ einen besonders bekannten Teil dieses Lebenswerks ins Licht.
Die Ausstellung war dabei keine klassische Retrospektive über Elke Loewe allein. Sie würdigte das gemeinsame Werk von Elke und Dieter Loewe rund um die beiden Schweinebrüder – und machte sichtbar, wie eng Text, Zeichnung, Landschaft und Trickfilmtechnik miteinander verbunden waren. Wer Loewes Lebenswerk verstehen will, muss deshalb weiter zurückgehen: zu einer jungen Fotografin, zu einem alten Schulhaus im Mulsumer Moor und zu einer Erzählerin, die den Norden nicht als Kulisse benutzte, sondern als Stoff.
Vom Fotografenhandwerk zum Schreiben
Elke Loewe wurde 1940 in Celle geboren und wuchs in Gifhorn auf. Von 1956 bis 1959 lernte sie dort das Fotografenhandwerk. Zunächst arbeitete sie als Fotografin, später ging sie nach Hamburg und fand Arbeit in einer Werbefilmproduktion. Ab 1965 war sie freiberuflich tätig – erst weiterhin fotografisch, dann zunehmend als Texterin, Autorin und Drehbuchschreiberin.
Diese frühe Ausbildung ist für ihr späteres Werk nicht nebensächlich. Fotografie schult den Blick auf Details, auf Ausschnitte und auf Situationen. Genau diese genaue Beobachtung taucht später immer wieder auf: in den kleinen Bewegungen von Piggeldy und Frederick, in den Landschaften ihrer Krimis, in historischen Romanen über Arbeit und Alltag und schließlich in ihren Pflanzenporträts.
1967: Eine alte Schule im Mulsumer Moor wird zum Arbeitsort
1967 kauften Elke und ihr Mann Dieter Loewe eine alte Schule im Mulsumer Moor bei Stade und bauten sie um. Dieter Loewe, 1930 in Berlin geboren und an der Hochschule für bildende Künste Hamburg ausgebildet, richtete dort ein kleines Trickfilmstudio ein. Aus diesem unscheinbaren Ort im Moor entstanden später Filme, die in ganz Deutschland bekannt wurden.
Die Landschaft vor der Haustür wurde Teil der Arbeit. Deiche, Felder, Zäune, Gatter, Bäume, Vögel und kleine Gebäude fanden sich in den Bildern wieder. Das Kunsthaus Stade beschrieb 2021, wie Dieter Loewe viele dieser Motive aus dem Gedächtnis zeichnete. Die norddeutsche Umgebung war deshalb nicht bloß Hintergrund – sie prägte die visuelle Welt der Filme.
Piggeldy und Frederick: aus einem Familiengespräch wird Fernsehgeschichte
1971 entwickelte Elke Loewe die Idee zu Piggeldy und Frederick. Der unmittelbare Ausgangspunkt lag in der eigenen Familie: Der kleine Tillmann stellte seinem etwa zehn Jahre älteren Bruder Jan fortwährend Fragen. Jan antwortete meist knapp, geduldig und gelegentlich etwas brummelig. Aus diesem Verhältnis entstand das Grundmodell der beiden Schweinebrüder – der wissbegierige Kleine und der bedächtige Große.
Auch die Entscheidung für Schweine kam nicht aus einem Konferenzraum. In der Nachbarschaft führte ein Bauer einen Eber zur Sauenzucht. Dieses ruhige, eigensinnige Tierbild blieb hängen. In einem später wiedergegebenen Brief vom 13. Mai 1971 warb Elke Loewe beim NDR für die neue Serie. Die erste Ausstrahlung folgte im Februar 1973.
Ein kleines Studio im Landkreis Stade – und fast alles entstand dort
Die Produktionsgeschichte ist für NOIO besonders interessant, weil sie das Bild einer großen Fernsehserie geradezu umkehrt. Piggeldy und Frederick entstanden nicht in einem großen Hamburger Fernsehkomplex. Dieter Loewe hatte 1967 in einer ehemaligen Schule in Mulsum-Hohenmoor ein kleines Trickfilmstudio eingerichtet. Dort wurden die Figuren und Landschaften gezeichnet, ausgeschnitten, arrangiert und Bild für Bild aufgenommen. Nach Angaben der Museen Stade entstanden dort sämtliche Piggeldy-und-Frederick-Filme; lediglich für Sprach- und Tonaufnahmen fuhr Dieter Loewe nach Hamburg.
Dieter Loewe brachte dafür professionelle Trickfilmerfahrung mit. Er hatte an der Hochschule für bildende Künste Hamburg studiert und anschließend im Trickfilmstudio von Hans Held gearbeitet, unter anderem an Werbespots mit dem „Hörzu“-Igel Mecki. Während dort Folienfilm nach dem damaligen Disney-Vorbild eingesetzt wurde, entstanden Piggeldy und Frederick später als Legetrick: flache Figuren und Bildelemente wurden auf einer Fläche minimal bewegt und nach jeder Veränderung erneut fotografiert.
Jede Folge war ungefähr drei Minuten lang. Dieser enge Rahmen erklärt einen Teil der besonderen Form: kein Nebenschauplatz, kaum Figuren, kein überflüssiges Personal – eine Frage, ein gemeinsamer Weg, ein Gespräch und eine Pointe. Gottfried Kramer sprach Erzähler, Piggeldy und Frederick und machte aus drei Rollen eine unverwechselbare Klangwelt.
Wie viele Folgen gab es eigentlich? Selbst die Quellen zählen unterschiedlich
Bei genauer Recherche fällt eine interessante Unschärfe auf. Die Museen Stade sprechen auf Grundlage des Nachlasses von mehr als 140 Episoden beziehungsweise rund 145 Filmen bis 1997. Die offizielle Sandmännchen-Seite nennt dagegen mehr als 100 Folgen bis 1985 und einen Neustart Anfang der 1990er-Jahre mit acht weiteren Episoden. Andere zeitgenössische Porträts sprechen sogar von mehr als 150 Geschichten. Das muss kein Widerspruch sein: Je nachdem, ob produzierte Filme, ausgestrahlte Folgen, Textfassungen und spätere Buchgeschichten gezählt werden, entstehen unterschiedliche Summen.
Für die Werkgeschichte ist deshalb wichtiger als eine scheinbar exakte Zahl: Über mehr als zwei Jahrzehnte schrieb Elke Loewe die Texte, Dieter Loewe entwickelte die Bildwelt weiter, und die Serie bekam mehrere Produktionsphasen. Nach den Angaben des Kunsthauses entstanden die letzten Filme bis 1997.
Die Landschaft ist eine dritte Hauptfigur
Bei der Stader Ausstellung wurde besonders deutlich, wie sehr die Landschaft zum Stil der Filme gehört. Menschen tauchen fast nie auf. Stattdessen erzählen Zäune, Gatter, Hütten und Hochsitze davon, dass Menschen vorhanden sein müssen. Dazu kommen Bäume, Blumen, Steine und Vögel. Dieter Loewe hatte viele Motive vor der Haustür, zeichnete sie aber überwiegend aus dem Gedächtnis.
Über die Produktionsjahre wurden Figuren und Landschaften detaillierter und die Farben vielfältiger. Gerade dadurch entstand ein wiedererkennbarer norddeutscher Raum, der nie ausdrücklich „Stade“ heißen musste und trotzdem von der Umgebung geprägt war, in der die Loewes lebten und arbeiteten.
Von der Fernsehsendung zum Buch, Hörbuch, E-Book und Streaming
1995 zeichnete Dieter Loewe für Ravensburger ein erstes Piggeldy-und-Frederick-Bilderbuch. Nach seinem Tod 1998 erschienen weitere Bücher mit Zeichnungen aus dem Nachlass. Rowohlt veröffentlichte 2007 „Nichts leichter als das …“ und 2009 „Piggeldy wollte wissen …“. Ravensburger brachte später erneut Sammelbände heraus. Hörbuchfassungen wurden unter anderem von Robert Missler gesprochen; Audible führt heute sechs Titel der Reihe.
Auch digital sind die Figuren längst angekommen. ARD Plus bietet aktuell eine Auswahl der Geschichten in zwei Staffeln an und beschreibt die Serie weiterhin als Bestandteil des Sandmännchen-Kosmos. Ravensburger vertreibt einzelne Geschichten wie „Was ist Ordnung?“ sogar als interaktives E-Book.
Zum künstlerischen Umfeld der späteren Buchveröffentlichungen gehört auch Ursula Asher-Winzentsen. Sie war mit dem Animationsfilmer Franz Winzentsen verheiratet. Beide arbeiteten bis 1986 häufig gemeinsam an Animationsfilmen, darunter Beiträge für die „Sesamstraße“. So ergibt sich eine weitere belegbare Verbindung zwischen den künstlerischen Arbeiten im Umfeld der Familien Loewe und Winzentsen: Beim 2016 erschienenen Ravensburger-Sammelband „Die allerbesten Geschichten von Piggeldy und Frederick“ wird Ursula Asher-Winzentsen neben Dieter Loewe als Illustratorin genannt. Die Geschichten stammen von Elke Loewe. Quellen: Museen Stade (Zusammenarbeit Ursula und Franz Winzentsen) und Buchangaben und Mitwirkende.
Die Verbindung reicht über das gemeinsame Buchprojekt hinaus: Ursula Asher-Winzentsen schuf mit Franz Winzentsen auch Animationsbeiträge für die „Sesamstraße“. Das Ausstellungsmagazin der Museen Stade dokumentiert zudem mehr als 90 gemeinsame NDR-Kurzfilme für andere Kinderformate, darunter rund 60 Folgen der Reihe „Franz“ und 32 „Flüsterpferd“-Filme. Welche einzelnen Clips sie für die Sesamstraße produzierten, ist bislang nicht eindeutig belegt. Hintergründe und Werkbeispiele stehen im NOIO-Porträt über Franz Winzentsen.
Damit reicht die Mediengeschichte von handbewegten Papierfiguren in Mulsum-Hohenmoor bis zu Streaming-Abos und interaktiven Kinderbüchern. Die Technik hat sich vollständig verändert – das Erzählprinzip nicht.
Piggeldy und Frederick ansehen: Piggeldy & Frederick bei ARD Plus (offizielles Angebot).
Weitere Videokanäle: Unser Sandmännchen auf YouTube (offizieller rbb-Kanal) · Piggeldy & Frederick auf YouTube (eigenständiger Kanal).
Hinweis: Der Betreiber und die Rechtefreigaben des eigenständigen YouTube-Kanals konnten wir nicht unabhängig bestätigen. Die Angebote und die verfügbaren Folgen können sich unterscheiden; ARD Plus kann kostenpflichtig sein.
Das Kunsthaus Stade machte 2021 die Arbeit hinter den Filmen sichtbar
Zum 50-jährigen Jubiläum widmete das Kunsthaus Stade Piggeldy und Frederick vom 8. Mai bis 5. September 2021 eine große Ausstellung. Gezeigt wurden mehr als 100 Zeichnungen und Szenen aus dem Nachlass Dieter Loewes, außerdem Filme, Hintergründe zur Entstehung der Serie und Einblicke in die Legetricktechnik.
Damit wurde sichtbar, wie viel Handarbeit in wenigen Fernsehminuten steckte. Figuren, Vorder- und Hintergründe mussten gezeichnet, arrangiert, bewegt und Bild für Bild aufgenommen werden. Die Ausstellung stellte zudem die Entwicklung der Figuren und Landschaften über mehr als 25 Produktionsjahre dar. Begleitend erschien ein Magazin mit Texten von Elke Loewe, Kuratorin Regina Wetjen und Franz Winzentsen sowie einer neuen Piggeldy-und-Frederick-Geschichte.
Für Stade hatte die Schau einen besonderen regionalen Bezug: Diese bundesweit bekannten Figuren waren nicht in einem großen Fernsehstudio in Hamburg oder Berlin entstanden, sondern im Landkreis Stade.
Die Verbindung zu Franz Winzentsen: zwei Animationswelten aus demselben norddeutschen Umfeld
Eine Verbindung, die in einem Lebenswerk-Porträt über Elke Loewe nicht fehlen darf, führt zu Franz Winzentsen (*1939). Öffentlich belegt ist zunächst die fachliche Nähe: Für das Begleitmagazin zur Piggeldy-und-Frederick-Ausstellung im Kunsthaus Stade 2021 schrieb Winzentsen einen eigenen Beitrag – neben Elke Loewe und Kuratorin Regina Wetjen. Damit war er nicht nur ein späterer Kommentator, sondern Teil der musealen Einordnung des Werks von Elke und Dieter Loewe.
Beide kamen aus einer Zeit, in der Animation noch Handarbeit war
Winzentsen und die Loewes gehören derselben Generation norddeutscher Trickfilm- und Animationspioniere an. Während Dieter Loewe in Mulsum-Hohenmoor mit ausgeschnittenen Figuren, gemalten Hintergründen und einer Kamera die Welt von Piggeldy und Frederick baute, entwickelte Winzentsen in Hamburg seine eigene Form der „bewegten Grafik“ und experimentierte mit Zeichnung, Fundstücken, Puppen und Film.
Winzentsen studierte an der Hochschule für bildende Künste Hamburg und legte 1964 mit „Verfolgung“ einen der ersten dort entstandenen Animationsfilme als Examensarbeit vor. Später arbeitete er im innovativen Cinegrafik-Studio und gehörte Ende der 1960er-Jahre zu jener unabhängigen Hamburger Filmszene, die neue Formen zwischen Grafik, Kunst und Film suchte.
„Mumien, Monstren, Mutationen“: ein Vorspann, den eine ganze Generation nicht vergessen hat
1967 schuf Franz Winzentsen den nur etwa 20 Sekunden langen Titel für die NDR-Reihe „Das Gruselkabinett – Mumien, Monstren, Mutationen“. Der bizarre, düstere Vorspann wurde bis 1990 immer wieder verwendet und entwickelte sich für viele Zuschauer zu einem der prägendsten Fernsehmomente ihrer Kindheit. Winzentsen selbst führte den Film später in seinem eigenen Werkverzeichnis unter dem Titel „Mumien, Monster, Mutationen“.
Das ist auch deshalb interessant, weil sich hier zwei sehr unterschiedliche Seiten derselben norddeutschen Animationskultur zeigen: auf der einen Seite Piggeldy und Frederick – ruhig, warm, philosophisch und familiennah; auf der anderen Seite Winzentsens surreale, leicht verstörende Bildwelt für Horror- und Science-Fiction-Klassiker. Beide entstanden in einer Zeit, in der Animation noch mit Papier, Farbe, Kamera und enorm viel Handarbeit produziert wurde.
Den markanten Vorspann von „Mumien, Monstren, Mutationen“ kann man heute noch online ansehen →
2023 bekam auch Winzentsen seine große Ausstellung im Kunsthaus Stade
Zwei Jahre nach der Piggeldy-und-Frederick-Schau widmete das Kunsthaus Stade auch Franz Winzentsen eine große Retrospektive. „Fake, Figuren und Fiktion – Die bewegte Welt des Franz Winzentsen“ lief vom 17. Juni bis 31. Oktober 2023. Auf drei Etagen zeigte das Kunsthaus Filme, Puppen, Objekte, Installationen, Zeichnungen und Gemälde. Die Museen Stade bezeichneten die Schau als erste Gelegenheit, Winzentsens vielfältiges Werk in einem größeren Überblick zu zeigen.
Damit ergibt sich im Kunsthaus eine bemerkenswerte Linie: 2021 wurde das Lebenswerk rund um Piggeldy und Frederick gewürdigt, 2023 folgte Winzentsens bewegte Bildwelt. Beide Ausstellungen machten sichtbar, wie viel innovative Animations- und Fernsehgeschichte aus dem norddeutschen Raum stammt – und wie unterschiedlich diese Generation von Künstlern das Medium Film genutzt hat.
Die fast vergessene Fernsehkarriere: viel mehr als „Onkel Bräsig“ und „Tatort“
Die üblichen Kurzbiografien springen von Piggeldy und Frederick direkt zu „Onkel Bräsig“, „Tatort“ und „Teufelsmoor“. Alte Fernsehspiel- und Serienverzeichnisse zeigen jedoch, dass Elke Loewe in den 1970er- und frühen 1980er-Jahren wesentlich breiter für das Fernsehen schrieb. Ihre Drehbucharbeit verlief parallel zum Kinderfernsehen und reicht von Justiz- und Alltagsserien über Hafenmilieus bis zu großen ZDF-Fernsehspielen.
1974: „Elenas Lied“ in der NDR-Reihe „Motiv Liebe“
Ein früher belegbarer Seriencredit ist die Folge „Elenas Lied“ aus der NDR-Reihe „Motiv Liebe“. Die Serie erzählte Fälle, in denen Liebe, Eifersucht und persönliche Beziehungen mit juristischen Konflikten zusammenstießen. In Loewes Folge möchte eine 22-jährige Frau Sängerin werden und gerät zwischen persönliche Bindung und beruflichen Ehrgeiz. Regie führte Roger Fritz. Damit schrieb Loewe bereits Mitte der 1970er-Jahre außerhalb des Kinderprogramms für eine erwachsene Vorabendserie.
1977: auch „Lokalseite unten links“
Für die NDR-/Studio-Hamburg-Reihe „Lokalseite unten links“ wird Loewe ebenfalls als Drehbuchautorin einer Folge geführt. Die genaue Folge lässt sich in den frei zugänglichen Verzeichnissen derzeit nicht zweifelsfrei zuordnen. Gerade deshalb bleibt NOIO hier bewusst bei dem belegbaren Credit, statt einen Episodentitel zu erraten.
1979: „Zwei Tore hat der Hof“ – 90 Minuten ZDF
Ein größerer Schritt war der ZDF-Fernsehfilm „Zwei Tore hat der Hof“. Filmportal datiert die Produktion auf 1978/79 und die Erstausstrahlung auf den 27. März 1979. Der 90-minütige, auf 16-mm-Film produzierte Fernsehfilm entstand unter der Regie von Volker Vogeler; als Autoren werden Elke Loewe und Vogeler geführt. Zur Besetzung gehörten unter anderem Rüdiger Kirschstein, Marlies Engel, Rainer Hunold, Wigand Witting und Karla Schütt.
Damit begann zugleich eine auffällige kreative Verbindung: Vogeler inszenierte später auch Loewes „Jonny Granat“ und den plattdeutschen „Tatort“. Beide arbeiteten also nicht nur an einem einzelnen Krimi zusammen, sondern an mehreren Stoffen über Jahre hinweg.
1979 bis 1981: „St. Pauli-Landungsbrücken“
Auch in der 60-teiligen NDR-Vorabendserie „St. Pauli-Landungsbrücken“ taucht Elke Loewe in den Autorenlisten auf. Datenbanken führen sie für zwei Folgen. Die Serie erzählte abgeschlossene Geschichten aus dem Hamburger Hafen- und St.-Pauli-Milieu und brachte zahlreiche bekannte Schauspieler zusammen – darunter Inge Meysel, Evelyn Hamann, Hans-Peter Korff und viele andere. Damit reicht Loewes Fernsehlandschaft von Moor und Marsch bis mitten in den Hamburger Hafen.
1982: „Jonny Granat“ – Modernisierung der Krabbenfischerei als Fernsehspiel
Besonders aufschlussreich ist das heute fast vergessene ZDF-Fernsehspiel „Jonny Granat“. Regie führte wiederum Volker Vogeler, das Drehbuch schrieb Elke Loewe. Das ZDF strahlte den Film am 5. Januar 1982 aus. Die zeitgenössische ZDF-Inhaltsangabe bezeichnet ihn ausdrücklich als „Eine Geschichte aus Dithmarschen“.
Im Mittelpunkt steht ein Krabbenfischer, der an alten Arbeitsweisen und seinem alten Bootsmann festhält, während sich die Fischerei technisch und wirtschaftlich verändert. Holzboote werden unrentabel, neue Kutter aus Stahl und Kunststoff sind elektronisch ausgerüstet und können weiter entfernte Fanggebiete erreichen. Der Konflikt ist damit erstaunlich typisch für Loewe: Nicht ein abstraktes Strukturproblem wird erklärt, sondern gesellschaftlicher Wandel über Arbeit, Technik und einen einzelnen Menschen erzählt.
Wigand Witting spielte Jonny, daneben waren Wilhelm von Lienen, Charlie Rinn, Sibylle Schwab, Karla Schütt, Arend Weidner, Grete Schildknecht und Fiete Krugel-Hartig zu sehen. Die ursprüngliche ZDF-Pressebeschreibung ist bis heute über ein Fernsehspielarchiv überliefert.
1982: „Die Fischer von Moorhövd“
Im selben Jahr schrieb Loewe auch für die 14-teilige NDR-Serie „Die Fischer von Moorhövd“. Das historische Fernsehspiel-Lexikon führt sie neben Josef Ippers, Gabriele Lins und Roland F. Henschke im Autorenteam. Für die 13. Folge „Verschwörungen“, ausgestrahlt am 28. Mai 1982, lässt sich ihr Drehbuch-Credit einzeln belegen.
Die Serie erzählte vom Alltag einer Fischerfamilie und vom Wandel eines fiktiven Küstenortes. Gedreht wurde überwiegend in Maasholm, außerdem in Kappeln und Arnis. Manfred Krug, Ursula Sieg, Barbara Fenner, Heinz Reincke und Renate Delfs gehörten zur Besetzung. Damit erscheint erneut dasselbe große Thema: traditionelle Arbeit im Norden unter dem Druck gesellschaftlicher und technischer Veränderung.
Auch „Tiere und Menschen“ gehört in diese Fernsehbiografie
Ein weiteres fast vergessenes Puzzlestück taucht im zeitgenössischen Lexikon der Fernsehspiele auf: Elke Loewe wird im Autorenteam der NDR-/SR-Serie „Tiere und Menschen“ geführt. Produziert wurde die Reihe von Studio Hamburg und Telefilm Saar; die NDR-Folgen liefen ab 1984, weitere Staffeln folgten. In der umfangreichen Autorenliste stehen neben Loewe unter anderem Norbert Klugmann, Claudia Holldack, Johannes Reben und Raimund Weber.
Welche konkrete Folge oder welche konkreten Folgen auf Loewe zurückgehen, lässt sich aus den frei zugänglichen Verzeichnissen derzeit nicht sauber isolieren. Deshalb bleibt NOIO an dieser Stelle bewusst beim belegten Serien-Credit. Trotzdem erweitert der Fund das Bild: Tier- und Alltagsgeschichten gehörten auch nach Piggeldy und Frederick zu ihrer Fernseharbeit.
Ein Muster wird sichtbar
Diese wiederentdeckten Credits verändern das Bild ihrer Fernsehkarriere. Zwischen Piggeldy und Frederick und den späteren Romanen liegt keine schmale Übergangsphase. Loewe schrieb jahrelang kontinuierlich für das norddeutsche Fernsehen: über Sängerinnen und Beziehungen, bäuerliche Milieus, Hamburger Hafenmenschen, Krabbenfischer, Fischerfamilien, historische Figuren und schließlich Mordfälle und Moorbauern.
Das erklärt auch, warum ihre späteren Bücher so filmisch wirken können. Bevor sie zur Romanautorin wurde, hatte sie über Jahre gelernt, Landschaft, Dialog, Konflikt und soziale Milieus in kurzen und langen Fernsehformaten zu verdichten.
„Onkel Bräsig“: 21 Drehbücher für eine der großen NDR-Serien
Der Erfolg beim Kinderfernsehen öffnete Elke Loewe den Weg ins Vorabendprogramm. Besonders groß war ihr Anteil an „Onkel Bräsig“, der NDR-/Studio-Hamburg-Serie nach Fritz Reuter. Die Serie umfasste insgesamt 42 Folgen in drei Staffeln zwischen 1978 und 1980. Die Credit-Datenbank fernsehserien.de schreibt Elke Loewe 21 Drehbücher zu – also die Hälfte der gesamten Serie. Damit war sie nicht bloß gelegentliche Autorin, sondern eine der zentralen Stimmen der Fernsehbearbeitung.
Die ersten beiden Staffeln erzählten vor allem aus „Ut mine Stromtid“, die dritte Staffel „Onkel Bräsig erzählt“ griff weitere Reuter-Stoffe auf. Loewe musste dabei Literatur des 19. Jahrhunderts in rund 25-minütige Fernsehgeschichten übersetzen: Figuren verdichten, Dialoge neu bauen und historische Milieus für ein damaliges Massenpublikum verständlich machen.
Mehr als vier Jahrzehnte später laufen diese Drehbücher noch immer. Der NDR wiederholte 2026 zahlreiche von Loewe geschriebene Folgen, darunter „Ein Bauer aus Mecklenburg“, „Die Bestechung“, „Aurelie Schönborn“, „Das Familienbild“, „Die Chasseure“ und weitere. In mehreren Folgen tauchen Schauspieler wieder auf, die auch mit anderen Teilen ihres Werks verbunden sind: Uwe Dallmeier etwa wurde später Kommissar Schnoor im plattdeutschen „Tatort“, Gottfried Kramer war nicht nur Postmeister bei „Onkel Bräsig“, sondern auch die Stimme von Piggeldy, Frederick und dem Erzähler.
„Geschichten hinterm Deich“: Loewes eigene Küstenserie – mit Drehort Osten
Noch enger an ihre eigene regionale Erfahrungswelt rückte die sechsteilige Reihe „Geschichten hinterm Deich“. Sie entstand Ende der 1980er-Jahre für NDR/Studio Hamburg und wurde vom 8. Dezember 1989 bis 12. Januar 1990 ausgestrahlt. Jede etwa 25-minütige Folge erzählte eine abgeschlossene Geschichte aus dem norddeutschen Küstenraum; Elke Loewe schrieb die Drehbücher.
Die Episoden hießen „Vetter Adelheid“, „Hannes Wanderer“, „Jan Küster“, „Katharina Klavierspielerin“, „Petter Plünnkerl“ und „Annamaria von Lilienworth“. Unter den Darstellern waren Edgar Bessen, Ursula Hinrichs, Heidi Brühl, Marianne Hoppe und Helmut Gentsch. Regie führten Sigrun Koeppe und Monika Zinnenberg.
Osten und die Schwebefähre: ein belegter regionaler Drehort
Für „Geschichten hinterm Deich“ lässt sich das regionale Filmgedächtnis wesentlich genauer greifen als bei „Teufelsmoor“. Eine Chronik zur Schwebefähre Osten–Hemmoor hält fest, dass für die Serie an der Schwebefähre in Osten gedreht wurde; auch der Oste-Oldtimer „Mocambo“ gehörte zu den Schauplätzen. Die Folge „Katharina Klavierspielerin“ wurde nach biografischen Angaben zur Regisseurin Sigrun Koeppe in Osten gedreht. Heidi Brühl spielte die Pianistin Katharina, Marianne Hoppe gehörte ebenfalls zur Besetzung.

Das ist für Loewes Lebenswerk wichtig: Jahrzehnte bevor „regional erzählen“ zum publizistischen Schlagwort wurde, schrieb sie Fernsehstoffe, in denen Oste, Deichlandschaft, Fähre und kleine Orte nicht austauschbare Kulisse waren, sondern Teil der Geschichte.
Der „Tatort“, der mehr war als ein Sprach-Experiment
Am 2. Mai 1982 lief mit „Wat Recht is, mutt Recht bliewen“ die 136. Folge der „Tatort“-Reihe. Elke Loewe schrieb das Drehbuch nach einer Erzählung von Boy Lornsen; Regie führte Volker Vogeler, die Kamera verantwortete Günther Wulff. Uwe Dallmeier spielte Kriminalhauptkommissar Nikolaus Schnoor – und blieb nach diesem Film ein einmaliger „Tatort“-Ermittler. An seiner Seite ermittelte Ralf Richter als Wilfried Wilcke. Der damals noch junge Uwe Ochsenknecht spielte einen Schiffsjungen.
Die Geschichte führt in ein Dorf an der Elbmündung. Vier alte Seeleute sitzen auf ihrer „Schifferbank“, beobachten Hafen und Elbe und entwickeln ihren eigenen Begriff von Recht und Gerechtigkeit. Als ein Hamburger Wochenendsegler ermordet aufgefunden wird und Rauschgift ins Spiel kommt, muss Schnoor nicht nur einen Mord klären, sondern auch gegen eine verschlossene Gemeinschaft ermitteln.
Vier Helgoländer Börtebootführer vor der Kamera
Ein besonders ungewöhnlicher Teil der Besetzung entstand außerhalb des klassischen Castingbetriebs. Regisseur Volker Vogeler entdeckte auf Helgoland vier Männer aus der Börte beim Ausbooten der Passagiere: Harry Oehlrichs beziehungsweise Oelrichs, Helmut Block, William Denker und Friedrich beziehungsweise Wilfried Wichers – die Schreibweisen variieren in den Quellen. Sie wurden zu den vier schweigsamen Seeleuten des Films. Die regionale Presse berichtet, Vogeler habe sie im Kurhaus bei Kaffee und Schnaps für den Film gewonnen.
Auch die Komparserie war ungewöhnlich lokal. Als der NDR in Altenbruch rund 100 Statisten suchte, sollen etwa 400 Menschen zum Auswahltermin gekommen sein. Die Cuxhavener Polizei stellte sechs Beamte für Dreharbeiten bereit; den neunjährigen Eren Gündogdu entdeckte das Filmteam an der Abendrothschule. Damit war ein erheblicher Teil des sichtbaren Milieus tatsächlich aus der Region selbst besetzt.
Plattdeutsch als dramaturgisches Risiko
Der Film ging sprachlich weit über gewöhnliches „Lokalkolorit“ hinaus. Ein großer Teil der Dialoge ist Niederdeutsch; hochdeutsche Untertitel machten die Folge bundesweit verständlich. Eine sprachwissenschaftliche Betrachtung des „Tatort“ nennt „Wat Recht is, mutt Recht bliewen“ als programmatisches Beispiel dafür, wie weit Regionalität in der Reihe gehen konnte – und zugleich, wo die Grenzen eines bundesweiten Publikums lagen. Zeitgenössisch gab es Beschwerden über die Verständlichkeit.
Das ist kulturgeschichtlich bemerkenswert: Der föderale „Tatort“ lebt bis heute von regionalen Ermittlern und Schauplätzen, spricht aber meistens Hochdeutsch. Loewes Film machte die regionale Sprache selbst zum Hauptmerkmal und setzte damit 1982 einen Sonderfall, der nicht zur Serie wurde.
Ein Fernsehkrimi im beinahe Kinoformat
Filmportal dokumentiert 79 Minuten Laufzeit, 16-mm-Material und das Format 1:1,66 in Eastmancolor. Die regionale Rückschau beschreibt, dass das Super-16-Material nicht wie damals im Fernsehen üblich auf das klassische 4:3-Bild beschnitten wurde. So blieb ungewöhnlich viel Raum für Horizont, Deich und Marsch.
Regisseur Vogeler und Kameramann Wulff lassen Einstellungen länger stehen als für die reine Handlung nötig. Schwenks sind selten, Gesichter und Landschaften bekommen Zeit, und selbst die Untertitel erscheinen teilweise verzögert. Die Langsamkeit ist kein technischer Mangel, sondern Stilmittel. Das passt zu Loewes Stoff: Eine schweigsame Gemeinschaft lässt sich nicht durch hektisches Fragen aufbrechen.
Drehorte: Altenbruch, Cuxhaven und Neuhaus an der Oste
Gedreht wurde im September und Oktober 1981 in Cuxhaven und Umgebung. Besonders wichtig war der Altenbrucher Hafen. Vor der damaligen Gastwirtschaft „Zur Schleuse“ stand die Schifferbank der vier Seebären. In der Nähe befindet sich der Leuchtturm „Dicke Berta“.

Weitere Aufnahmen entstanden in Cuxhavener Straßen. In Neuhaus (Oste) machte der etwa 30-köpfige Produktionsstab das Gebäude der Familie Tiedemann in der Deichstraße zum Haus des Hafenmeisters Gustav Simoneit. Damit führt die Drehortspur unmittelbar in den Oste-Raum, der auch in anderen Werken Loewes immer wieder auftaucht.
14,39 Millionen Zuschauer – aber kein zweiter Fall
Bei der Erstausstrahlung sahen nach den überlieferten Quotenangaben rund 14,39 Millionen Menschen zu; der Marktanteil lag bei etwa 41 Prozent. Trotzdem blieb Schnoor ein Einmal-Ermittler und das konsequente Plattdeutsch-Experiment wurde nicht wiederholt. Gerade dadurch ist der Film heute eine Art Seitenweg der „Tatort“-Geschichte: erfolgreich gesehen, aber nicht zum Modell geworden.
Für Loewes Werk ist er zugleich ein Schlüsselstück. Hier treffen mehrere ihrer später immer wiederkehrenden Interessen zusammen: niederdeutsche Sprache, eine konkrete Küstenlandschaft, Menschen mit eigenen Regeln, langsame Beobachtung und die Frage, wie regionale Lebenswelten ins Fernsehen übersetzt werden können.
„Teufelsmoor“: 230 Jahre Regionalgeschichte in sechs Folgen
Nachdem Elke Loewe 1981 vom Moor in die Marsch gezogen war, schrieb sie für Radio Bremen die sechsteilige Fernsehserie „Teufelsmoor“. Produziert wurde sie 1982; die erste Ausstrahlung folgte 1983. Die Saga verfolgt die fiktive Moorbauernfamilie Kehding beziehungsweise Kähding von der Kolonisation des 18. Jahrhunderts bis zu einer aus damaliger Sicht noch zukünftigen Gegenwart im Jahr 1992.
Die sechs Teile springen durch Generationen und Epochen. Sie beginnen 1760 mit Johann Kehdings Aufbruch ins Moor, führen durch napoleonische Zeit, Wasser- und Besitzkonflikte, landwirtschaftliche Modernisierung und Nationalsozialismus bis zu Torfabbau, Arbeitsplatzverlust und militärischem Sperrgebiet. Die sechste Folge ist besonders bemerkenswert: Eine 1982 produzierte Serie blickt zehn Jahre voraus auf 1992 und erzählt das Ende einer langen Familiengeschichte zugleich als Rückverwandlung einer ausgebeuteten Landschaft.
Regie führten Rainer Boldt und Ilse Hofmann. Zu den Darstellern gehörten unter anderem Wigand Witting, Christine Lemm, Gernot Kleinekämper, Franz Rudnick, Dirk Galuba, Wolf-Dietrich Sprenger und in der jüngeren Generation Christoph M. Ohrt beziehungsweise Peter Petran.
Nicht Heimatidylle, sondern Arbeit, Entwässerung und Eingriff in Landschaft
Die Serie erzählt das Moor nicht als romantische Kulisse. Ihr Motor ist die Arbeit am Boden: Gräben ziehen, Wasser ableiten, Torf stechen, Landwirtschaft ermöglichen, Besitz sichern. Mit jeder Generation verändert sich die Landschaft – und mit ihr die Abhängigkeit der Menschen von Technik, Markt und Politik. Das spätere Romanprojekt „Teufelsmoor“ konzentriert diese Geschichte auf die frühen Generationen bis zum Kaiserreich.
Damit ist „Teufelsmoor“ ein frühes Beispiel für ein Thema, das Loewes späteres Werk immer wieder bestimmt: Landschaft ist nicht statisch. Menschen formen sie, leben von ihr und zerstören mitunter genau das, wovon sie abhängig sind.
Die Drehorte: Was belegt ist – und was aus Erinnerungen stammt
Eine vollständige Produktions-Drehortliste ist öffentlich nicht erhalten. Die Recherche liefert aber inzwischen mehrere voneinander unabhängige Spuren. Diese werden bei NOIO bewusst nach Belegstärke getrennt.
Osterholz-Scharmbeck: Ein damaliger jugendlicher Komparse erinnert sich an Dreharbeiten in der alten Kassenhalle der Kreissparkasse und an eine weitere Szene in der Hafenstraße. Das ist eine konkrete Zeitzeugenangabe, bislang aber kein archivisch bestätigtes Produktionsprotokoll.
Wilstedt: Mehrere Zuschauer und Beteiligte erkannten die Anfangsszene wieder; außerdem wird die Wilstedter Kirche als Drehort genannt. Eine Zeitzeugin identifizierte die Kirche ausdrücklich aus eigener Ortskenntnis.
Bruchhausen-Vilsen: Ein früherer Schüler berichtet, dass Schüler der Realschule als Komparsen beteiligt waren. Genannt werden Szenen mit der Museumseisenbahn sowie ein Chorauftritt mit einem Soldatenabschied. Auch dies ist bislang eine Zeitzeugenspur.
Meinerdingen bei Walsrode: Ein weiterer ehemaliger Beteiligter nennt den Ort als Schauplatz von Dreharbeiten zu einer Folge.

Für einen konkreten Drehort in der Hansestadt Stade selbst konnte die Recherche weiterhin keinen belastbaren Nachweis finden. Das ist wichtig, weil „Stader Geest“ als Landschaftsbegriff leicht mit der Stadt verwechselt werden kann. Die belastbaren und zeitzeugengestützten Spuren führen bislang vor allem in den Raum Osterholz-Scharmbeck, Wilstedt, Bruchhausen-Vilsen und Meinerdingen.
Die Serie verschwand nicht: Wiederholungen, Restaurierung, DVD
„Teufelsmoor“ wurde nach der Erstausstrahlung nicht einfach vergessen. OneGate dokumentiert Wiederholungen 1984 im Regionalprogramm Nord, 1992 im Ersten, 1998 auf N3 und 2003 im NDR. 2018 erschien die komplett restaurierte sechsteilige Saga erneut auf DVD. Bild und Ton wurden überarbeitet; zusätzlich zur niederdeutschen Originalfassung wurde eine Fassung mit hochdeutschen Erläuterungen angeboten. Die Gesamtlaufzeit beträgt rund 298 Minuten.
Das ist für die Rezeption bedeutsam: Ein regionaler Fernsehstoff von Anfang der 1980er-Jahre wurde Jahrzehnte später technisch restauriert und wieder auf den Markt gebracht. Die Serie ist damit nicht nur Erinnerung einzelner Zuschauer, sondern ein erhaltenes Stück norddeutscher Fernsehgeschichte.
Vom Bildschirm zum Roman und zurück in die Kulturarbeit
2002 erschien „Teufelsmoor – Roman einer Familie“ bei Rowohlt. Der Roman erzählt die frühen Generationen der Kähdings zwischen kurhannoverscher Zeit und Kaiserreich. 2011 kehrte Loewe als Herausgeberin noch einmal zum Thema zurück: „Reise ins Teufelsmoor“ versammelte 25 zeitgenössische „torfschwarze und wollgrasweiße Geschichten“ rund um den Landschaftsraum und den Moorexpress.
Wie Elke Loewe recherchierte und schrieb
Ein Porträt aus dem Jahr 2004 gibt einen seltenen Einblick in ihre Arbeitsweise. Die Ideen und die Recherche entstanden am Rönndeich, das eigentliche Schreiben verlagerte Loewe jedoch bewusst aus dem Alltag heraus. Für größere Buchprojekte zog sie sich in ein Haus an der dänischen Ostseeküste zurück. Dort arbeitete sie nach eigener Beschreibung nahezu abgeschottet – unterbrochen im Wesentlichen nur von Essen und Schlafen.
Das erklärt eine Eigenart ihrer historischen Romane: Sie sind regional verwurzelt, aber nicht improvisiert. Loewe sammelte vor dem Schreiben Material, beschäftigte sich mit Arbeitsverfahren, Landschaftsgeschichte und historischen Lebensbedingungen und ging dann für die eigentliche Niederschrift auf Distanz. Schon 2004 kündigte sie nach „Simon, der Ziegler“ ein Buch über die Geest an, das in Lüneburg spielen und die Salzsiederei des 17. Jahrhunderts behandeln sollte. Daraus wurde „Der Salzhändler“.
Damit lässt sich die Entstehung ihrer historischen Bücher fast als Bewegung durch Landschaftsräume lesen: Moor – Marsch – Geest – Elbe und Nordmeer. Die Geografie ist nicht nachträglich auf die Romane gelegt worden; sie war Teil der Planung.
Die Schriftstellerin: Moor, Marsch und Deich als literarischer Raum
Ab den 2000er-Jahren wurde Elke Loewe einem breiteren Lesepublikum vor allem als Romanautorin bekannt. Ihre historischen Romane blieben dem Norden verbunden. „Teufelsmoor“ erschien 2002 als Roman. Es folgten unter anderem „Simon, der Ziegler“, „Der Salzhändler“, „Sturmflut“ und „Walfänger“.
„Sturmflut“ greift die Weihnachtsflut von 1717 auf. Die Katastrophe wird nicht als abstraktes historisches Ereignis erzählt, sondern über Menschen, Familien, Deiche, Verlust und den Kampf um eine Existenz in einer gefährdeten Landschaft. Auch hier verbindet Loewe recherchierte Geschichte mit den Bedingungen des Lebens an der Küste.

Vier historische Bücher, vier verschiedene Arbeitswelten
Bei genauerem Hinsehen fällt auf, dass Loewes Historienromane nicht einfach „norddeutsch“ sind. Jeder von ihnen erschließt eine andere Arbeits- und Wirtschaftsform des Nordens.
„Simon, der Ziegler“: harte Saisonarbeit an der Elbe
„Simon, der Ziegler“ führt in das Ziegelei-Milieu des 19. Jahrhunderts. Schon während der Entstehung beschrieb Loewe das Projekt als Roman über die historische Arbeit an den Ziegeleien der Niederelbe. Der Stoff blieb nicht auf Papier: Am 27. und 28. September 2008 brachte das Urler Jugendtheater eine Bühnenfassung direkt in der Historischen Ziegelei Bevern bei Bremervörde auf die Bühne. Später wurde das Stück dort erneut als Teil der Kulturarbeit des Industriedenkmals erwähnt.
Damit kehrte die Literatur gewissermaßen an ihren materiellen Ursprung zurück: Ein Roman über Ziegelarbeit wurde in einer erhaltenen historischen Ziegelei gespielt.
„Der Salzhändler“: Lüneburg 1635
„Der Salzhändler“ führt in eine ganz andere Welt. Rowohlt setzt die Handlung im Jahr 1635 in Lüneburg an, mitten im Dreißigjährigen Krieg. Der Kaufmann Lambert Brinck erwartet, dass sein Sohn Jakob den Salzhandel übernimmt. Doch Jakob interessiert sich stärker für die Sterne und für eine gesellschaftlich nicht akzeptierte Frau. Der Roman verbindet damit Familienkonflikt, Patriziat, Salzökonomie und den Krieg, der auch Lüneburg bedroht.
Bemerkenswert ist der Entstehungsweg: Schon vor Erscheinen hatte Loewe in einem Interview angekündigt, nach Moor und Marsch nun die Geest und die Lüneburger Salzsiederei des 17. Jahrhunderts literarisch zu bearbeiten. Das spätere Buch lässt sich also direkt aus ihrer geografischen Werkplanung nachvollziehen.
„Sturmflut“: Weihnachten 1717
„Sturmflut“ nimmt die verheerende Weihnachtsflut von 1717 als historischen Rahmen. Für Loewe wird die Katastrophe nicht zur bloßen Kulisse. Deich, Wasser, Besitz und Überleben greifen unmittelbar ineinander. Der Roman eröffnet zugleich die Geschichte um Claus Marten, die im nächsten Buch weitergeführt wird.
„Walfänger“: von Kehdingen bis ins Nordmeer
„Walfänger“ folgt Claus Marten Anfang des 18. Jahrhunderts auf eine Grönlandfahrt. Für die Recherche arbeitete sich Loewe nach eigener Aussage so tief in den historischen Walfang ein, dass sie scherzhaft meinte, sie könne selbst auf die Jagd gehen – würde es aber selbstverständlich nicht tun.
Die allererste öffentliche Vorstellung des neuen Stoffes platzierte sie bewusst im Natureum Niederelbe in Balje: Am 17. Februar 2008 las sie dort aus dem noch unveröffentlichten Roman. Der Ort war nicht zufällig gewählt. Das Natureum besitzt einen besonderen Bezug zu Walen, weil aus der Ostemündung ein außergewöhnlicher Narwalfund stammt. Literatur, regionale Naturgeschichte und historischer Stoff wurden so direkt miteinander verbunden.
Valerie Bloom und die botanischen Krimis
Parallel schrieb Loewe eine Reihe regionaler Kriminalromane um Valerie Bloom. „Die Rosenbowle“, „Herbstprinz“, „Engelstrompete“ und „Schneekamelie“ spielen in dem fiktiven Augustenfleth – einem Ort, der aus Elementen der realen Landschaft zwischen Elbe, Oste, Deichen, Wettern und Obsthöfen zusammengesetzt ist.
Bemerkenswert ist die Verbindung von Kriminalhandlung und Pflanzenwelt. Loewe selbst bezeichnete diese Bücher später als botanische Krimis. Pflanzen sind darin nicht nur Dekoration; sie werden Teil der Handlung und des Wissens, mit dem die Geschichten funktionieren. Damit führt eine Linie von ihren frühen Naturbeobachtungen über die Krimis bis zu ihrem späten Sachbuch.
Augustenfleth: verschlüsselte Region, aber kein Schlüsselroman
Die vier botanischen Krimis um Valerie Bloom spielen im fiktiven Augustenfleth an der Stinte. Für Leser aus Kehdingen und dem Osteland ist die Verwandtschaft mit realen Orten offensichtlich: Landschaft, Deiche, Obsthöfe und Milieus erinnern an den Raum um Osten, Hüll und den Rönndeich. Die AG Osteland beschreibt Augustenfleth ausdrücklich als literarische Spiegelung dieses Landstrichs.
Interessant ist, wie zurückhaltend Loewe selbst mit möglichen realen Vorbildern umging. Als sie 2003 gefragt wurde, „wer denn nun wer“ in „Die Rosenbowle“ und „Herbstprinz“ sei, gab sie nach einem regionalen Porträt nur eine einzige reale Inspirationsquelle preis: Die warmherzige „Tante Marga“ geht auf Karla Ahlf aus Osten zurück, die dort einen Bäckerladen betrieben hatte. „Herbstprinz“ beginnt sogar mit einer Szene in diesem Laden.
Gerade die Zurückhaltung ist wichtig. Es wäre falsch, die Romane wie ein Adressbuch zu lesen und jede Figur einem realen Bewohner zuzuordnen. Loewe nimmt erkennbare Landschaften, Beobachtungen und einzelne Vorbilder und verwandelt sie literarisch. Das Ergebnis ist regional glaubwürdig, ohne dokumentarische Abbildung zu sein.
Jonni Hecht und der „Goldene Hecht“
Auch die Oste fand direkt Eingang in Loewes Arbeit. Gemeinsam mit der Grafikerin Jo du Bosque griff sie eine regionale Sage vom Hecht mit der goldenen Krone auf und entwickelte daraus das Kinderbuch „Jonni Hecht“, das 2000 erschien.
Das Motiv wirkte in der Region weiter. Die Arbeitsgemeinschaft Osteland vergab Elke Loewe 2005 als erster Preisträgerin in der Kategorie Literatur ihren Kulturpreis „Goldener Hecht“. Damit wurde nicht nur ein einzelnes Buch ausgezeichnet, sondern ihr Beitrag zur literarischen Wahrnehmung der Oste-Region.
Die Oste war für Elke Loewe mehr als ein Schauplatz
Zu den heute weniger bekannten Arbeiten gehört die Fotoserie „Öber de Oost“. Sie erinnert daran, dass Loewe ursprünglich Fotografin war und Landschaft nicht nur beschrieb, sondern auch bildlich beobachtete. Die AG Osteland nennt diese Serie ausdrücklich als Ausdruck ihrer Verbundenheit mit dem Land zwischen Weser und Elbe.
Gemeinsam mit Wolf-Dietmar Stock gab sie 2006 den 319 Seiten starken Band „Die Oste – Von der Quelle bis zur Mündung“ heraus. Das Buch verband Geschichte, Natur, Kunst und Alltagskultur entlang des Flusses und war mit mehreren regionalen Ausstellungen verknüpft: im Bachmann-Museum Bremervörde, in der Kleinen Galerie am Hafen in Neuhaus und im Handwerkermuseum Sittensen.
2009 folgte mit „Die Farben der Oste“ ein zweites großes Lesebuch mit rund 320 Seiten und zahlreichen Bildern, Geschichten, Gedichten und Sachbeiträgen. Damit wird aus der Romanautorin eine Kulturvermittlerin und Herausgeberin: Sie sammelt nicht nur eigene Stoffe, sondern organisiert Wissen und Erinnerungen anderer über einen ganzen Flussraum.
Krimiland Kehdingen-Oste: Von der privaten „Krimistraße“ zu Loewes Konzept
Hier lohnt eine genaue Trennung zweier Entwicklungen. Das private Internetprojekt „Deutsche Krimistraße“, das seit 2001 auf die ungewöhnliche Dichte von Krimi- und Drehbuchautoren am Rönndeich aufmerksam machte, geht auf Jochen Bölsche zurück. Die später von der Arbeitsgemeinschaft Osteland aufgebaute touristische und literarische Initiative „Krimiland Kehdingen-Oste“ entwickelte sich nach eigener Darstellung der AG Osteland dagegen nach einem Konzept von Elke Loewe.
Damit war sie nicht nur eine Autorin, deren Romane für Regionalmarketing benutzt wurden. Sie wirkte an der Idee mit, aus den vielen realen Autoren und fiktiven Tatorten zwischen Marsch, Moor und Oste ein gemeinsames Kulturprojekt zu formen. Der Slogan „Morde zwischen Marsch und Moor“ verband Literaturförderung und Tourismus; Lesungen fanden bewusst an ungewöhnlichen Originalschauplätzen statt – auf der „Mocambo“, in Moorhäusern, auf Höfen und an der Schwebefähre.
2009 übernahm Loewe außerdem eine editorische Rolle: Zum 100. Geburtstag der Schwebefähre Osten–Hemmoor gab sie die Anthologie „Mord an der Schwebefähre – 33 Kriminalgeschichten“ heraus. Die Texte waren aus einem Kurzkrimi-Wettbewerb hervorgegangen. Damit wurde aus dem regionalen Krimi nicht nur ein Genre, sondern ein Gemeinschaftsprojekt.
Eine Autorin bringt einen vergessenen Friedhof wieder ins Gedächtnis
Eine besonders überraschende Spur ihres regionalen Engagements führt nach Brobergen. Die niedersächsische archäologische Fundchronik vermerkt ausdrücklich, dass es der Aufmerksamkeit der Autorin Elke Loewe zu verdanken sei, dass ein vergessener Dorffriedhof am Ortsrand wieder in das Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt wurde.
Der Friedhof war 1832 angelegt worden, später von neuer Bebauung und einer Sandgrube abgeschnitten und nach dem Ende der Nutzung weitgehend sich selbst überlassen worden. Bei Aufräumarbeiten in den 1960er-Jahren waren historische Grabsteine teilweise den Hang der Sandgrube hinabgeschoben worden. Dass eine Schriftstellerin diesen Ort wieder ins öffentliche Gedächtnis brachte, passt auffallend zu einem Grundmotiv ihres Werks: übersehene Spuren in Landschaften lesen und erzählen, bevor sie verschwinden.
„Stader Land“ in wenigen Bildern
Auch ein kurzer, vom Landkreis Stade veröffentlichter Text zeigt ihren fotografischen Blick in Sprache. Darin reiht Loewe Motive wie Elbe, Schlick, Moor, Apfelbäume, Deich, Wind, Vogelstimmen und Hafen zu einem verdichteten Porträt des Stader Landes. Das wirkt fast wie eine Kontaktbogen-Serie aus Worten: einzelne Beobachtungen ergeben zusammen Landschaft.
Piggeldy und Frederick nach 1998: keine neuen Filme – aber erstaunlich viel neues Leben
Dieter Loewe starb 1998. Damit endete die eigentliche Filmproduktion: Das Kunsthaus Stade hält ausdrücklich fest, dass nach seinem Tod keine neuen animierten Piggeldy-und-Frederick-Filme mehr entstanden. Die Figuren verschwanden trotzdem keineswegs.
Zeichnungen aus Dieter Loewes Nachlass wurden weiter für Bücher genutzt; hinzu kamen Hörbücher und DVDs. Und auch Elke Loewe schrieb später noch einmal Neues: Für das Begleitmagazin zur Stader Jubiläumsausstellung 2021 entstand eine exklusive neue Piggeldy-und-Frederick-Geschichte. Das ist ein wichtiger Unterschied: keine neue Fernsehfolge, aber sehr wohl neuer literarischer Stoff von der ursprünglichen Autorin.
2026 stehen die beiden Schweine immer noch auf Bühnen
Der Rowohlt Theater Verlag führt „Piggeldy & Frederick“ heute als Stück für zwei Darsteller, ausdrücklich auch für Puppentheater und ab vier Jahren. Aktuell nennt der Verlag Produktionen am Theater des Lachens in Frankfurt (Oder), am marotte-Theater in Karlsruhe und beim Figurentheater Fex in Helmstadt-Bargen.
Dass das kein bloßer Archivstatus ist, zeigt das laufende Jahr 2026. Das Figurentheater Fex spielte die beiden Schweine im Oktober an der Schillerschule in Heubach vor Erstklässlern; die Stadt berichtete am 13. Oktober über die begeisterte Reaktion der Kinder. Weitere FEX-Termine stehen im November auf dem Spielplan. Auch das Luzerner Theater kündigt „Piggeldy & Frederick“ für mehrere Vorstellungen ab dem 11. November 2026 an.
Damit passiert etwas Bemerkenswertes: Figuren, die aus dem Familienalltag der Loewes und einem kleinen Trickfilmstudio in Mulsum-Hohenmoor hervorgingen, erreichen mehr als fünf Jahrzehnte später weiterhin Kinder, die lange nach dem Ende der Fernsehproduktion geboren wurden.
Parallel bleiben die Originalfilme digital verfügbar: ARD Plus bietet eine Auswahl der Geschichten im Streaming an, Ravensburger hält einzelne Titel als E-Books bereit und Hörbuchfassungen führen die Dialoge in ein weiteres Medium. Aus dem dreiminütigen Legetrickfilm ist damit ein Stoff geworden, der Fernsehen, Buch, Hörmedium, Streaming und Bühne verbindet.
Warum die Figuren so langlebig sind
Die Grundidee braucht kaum Technik und altert deshalb nur langsam: Zwei Geschwister gehen spazieren, einer fragt, der andere versucht zu erklären. Die Fragen nach Liebe, Geduld, Angst, Fernweh, Schatten, Alleinsein oder Regeln verschwinden nicht mit einer Fernsehepoche. Die Bühne macht heute sichtbar, dass Piggeldy und Frederick im Kern weniger Fernsehfiguren als Gesprächsfiguren sind.
Auch das erklärt, warum die Figuren nach dem Tod ihres Zeichners weiterleben können, ohne dass neue Trickfilme produziert werden müssen. Das visuelle Werk Dieter Loewes bleibt die Grundlage; Elke Loewes Dialogprinzip lässt sich zugleich in Bücher, Hörmedien und Figurentheater übertragen.
„Geheimnis Ebbe und Flut“: Naturwissen als Erzählstoff
Zwischen Kinderbuch und Sachbuch steht „Geheimnis Ebbe und Flut – Geschichten vom Wasser, das kommt und geht“, gemeinsam mit der Illustratorin Jo du Bosque. Loewe sammelte dafür Sagen und Märchen, mit denen unterschiedliche Kulturen die Gezeiten erklärt haben. Eine Rahmengeschichte um Prinzessin Mette und Königssohn Tove verbindet diese Erzählungen.
Auch dieses Buch folgt einem typischen Loewe-Prinzip: Ein Naturphänomen wird nicht trocken erklärt, sondern über Geschichten zugänglich gemacht. Interessant für die Gegenwart ist, dass der Titel 2026 wieder im Programm des Ateliers im Bauernhaus auftaucht. Damit ist neben „Kater Carlo“ auch ein älterer Teil ihres Natur- und Kinderbuchwerks erneut verfügbar.
„Die Wildblumensammlerin“: Rückkehr nach einer langen Verlagspause
Nach eigenen Angaben hatte Elke Loewe rund zehn Jahre lang nicht mehr für Verlage geschrieben, weil sie sich nicht länger danach richten wollte, was der Markt erwartete. Dann fragte Rowohlt sie nach einem Beitrag für die Reihe „Naturwunder“. Daraus entstand 2021 „Die Wildblumensammlerin“, illustriert von Matthias Holz.
Das 160 Seiten starke Buch verbindet Pflanzenporträts mit Erinnerungen, Naturbeobachtung und Kulturgeschichte. In einem Interview bezeichnete Loewe ihre Valerie-Bloom-Romane rückblickend ausdrücklich als „botanische Krimis“ – die Beschäftigung mit Pflanzen war also keine späte Kehrtwende, sondern bereits lange Teil ihrer Erzählwelt.
2021 las sie aus dem Buch in der NABU-Umweltpyramide; die ausverkaufte Veranstaltung verband Literatur mit der Frage, wie bedrohte Wildpflanzen und Lebensräume wahrgenommen werden. 2022 kehrte sie damit nach Stade zurück und las im Freilichtmuseum auf der Insel. Dort wurde die Verbindung zwischen der Wildblumenliebe im Buch und den detaillierten Pflanzenzeichnungen in Piggeldy und Frederick ausdrücklich thematisiert.
Und 2026 erscheint noch einmal ein neues Buch: „Kater Carlo“
Die Werkgeschichte endet nicht 2021. Im Februar 2026 erschien beim Verlag Fuchs das 32-seitige Kinderbuch „Kater Carlo“, illustriert von Elli Brockmann. Das Buch folgt Loewes Kater durch ein ganzes Jahr im Garten: Jahreszeiten, kleine Abenteuer und wechselnde Lieblingsplätze.
Das ist mehr als eine nette Nachbemerkung. Mehr als fünf Jahrzehnte nach der Entstehung von Piggeldy und Frederick kehrt Loewe erneut zu einer kleinen Tierfigur zurück, die durch genaue Alltags- und Naturbeobachtung trägt. „Kater Carlo“ zeigt, dass ihr Werk 2026 nicht nur verwaltet und wiederaufgeführt wird – sie veröffentlicht selbst weiterhin Neues.
Werkchronik: mehr als fünf Jahrzehnte in Bildern, Fernsehen und Büchern
- 1956–1959: Ausbildung im Fotografenhandwerk in Gifhorn.
- ab 1965: freiberufliche Arbeit – zunächst Fotografie und Text, später Drehbuch.
- 1967: Elke und Dieter Loewe richten in Mulsum-Hohenmoor die ehemalige Schule als Wohn- und Trickfilmstudio ein.
- 1971: Entstehung der Idee zu Piggeldy und Frederick.
- Februar 1973: erste Fernsehausstrahlung.
- 1974: frühes NDR-Vorabenddrehbuch „Elenas Lied“ für „Motiv Liebe“.
- 1977: Drehbucharbeit für „Lokalseite unten links“.
- 1978–1980: „Onkel Bräsig“; Loewe wird bei 21 der 42 Folgen als Drehbuchautorin geführt.
- 1979: ZDF-Fernsehspiel „Zwei Tore hat der Hof“; zugleich Beginn ihrer Arbeit für „St. Pauli-Landungsbrücken“.
- 1981: Umzug vom Moor in die Marsch; zugleich Dreharbeiten des plattdeutschen „Tatort“ in Cuxhaven, Altenbruch und Neuhaus.
- 1982: ZDF-Fernsehspiel „Jonny Granat“ sowie Drehbucharbeit für „Die Fischer von Moorhövd“.
- 2. Mai 1982: Erstausstrahlung von „Wat Recht is, mutt Recht bliewen“.
- 1982/83: Produktion und erste Ausstrahlung der sechsteiligen Saga „Teufelsmoor“.
- 1988/89: Produktion der Reihe „Geschichten hinterm Deich“; Ausstrahlung 1989/90.
- 1995: erstes Piggeldy-und-Frederick-Bilderbuch bei Ravensburger mit Zeichnungen Dieter Loewes.
- bis 1997: letzte Piggeldy-und-Frederick-Filmproduktion.
- 1998: Tod von Dieter Loewe; danach keine neuen Animationsfilme mehr.
- 2000: „Jonni Hecht“.
- 2002: „Die Rosenbowle“ und der Roman „Teufelsmoor“ markieren den starken Wechsel ins Buchgeschäft.
- 2005: erster „Goldener Hecht“ der AG Osteland in der Sparte Literatur; in dieser Werkphase entstehen unter anderem „Sturmflut“, historische Romane und weitere botanische Krimis.
- 2006: Herausgabe von „Die Oste – Von der Quelle bis zur Mündung“ mit Wolf-Dietmar Stock.
- 2007/2009: neue Piggeldy-Bücher bei Rowohlt; zugleich weitere Kriminal- und Oste-Projekte.
- 2009: „Die Farben der Oste“ und die von Loewe herausgegebene Anthologie „Mord an der Schwebefähre“.
- 2011: Herausgabe von „Reise ins Teufelsmoor“.
- 2021: „Die Wildblumensammlerin“; große Piggeldy-und-Frederick-Ausstellung im Kunsthaus Stade mit neuer Geschichte.
- 2026: neues Kinderbuch „Kater Carlo“; gleichzeitig laufen Loewes „Onkel Bräsig“-Drehbücher erneut im NDR und Piggeldy und Frederick stehen weiter auf Bühnen und Streamingplattformen.
Was ihr Lebenswerk zusammenhält
Auf den ersten Blick wirkt Elke Loewes Arbeit ungewöhnlich breit: Fotografie, Werbefilm, Kinderfernsehen, Krimi, Familienserie, „Tatort“, historische Romane, Kinderbücher und Botanik. Bei näherem Hinsehen gibt es jedoch deutliche Verbindungslinien.
Erstens: die genaue Beobachtung. Loewe schaut auf Details – auf Sprache, Pflanzen, Landschaften, Arbeitsweisen und menschliche Eigenheiten.
Zweitens: die Region. Moor, Marsch, Oste, Elbe, Deiche und das Leben im norddeutschen Flachland sind bei ihr keine austauschbare Kulisse. Sie bestimmen, wie Menschen leben, arbeiten und sprechen.
Drittens: Wissen wird über Geschichten vermittelt. Frederick hält keine Vorträge; er geht mit Piggeldy los. Historische Ereignisse werden über Familien erzählt. Pflanzenkunde wird mit Erinnerungen verbunden. Selbst komplexe Themen werden konkret, weil Menschen, Tiere oder Landschaften im Mittelpunkt stehen.
Viertens: das Kleine ist wichtig. Eine Kinderfrage kann Ausgangspunkt für eine Fernsehserie werden. Eine unscheinbare Wildblume kann ein ganzes Kapitel tragen. Eine regionale Sage kann zum Kinderbuch und später zum Namen eines Kulturpreises werden.
Eine Stader Geschichte mit bundesweiter Wirkung
Elke Loewe wurde nicht in Stade geboren. Trotzdem gehört ein erheblicher Teil ihres Lebenswerks zur Kulturgeschichte des Landkreises. Hier entstanden Piggeldy und Frederick, hier fand sie Landschaften und Figuren für ihre Bücher, hier arbeitete sie über Jahrzehnte – und hier würdigte das Kunsthaus Stade 2021 eines ihrer bekanntesten Gemeinschaftswerke.
Gerade deshalb lohnt es sich, Elke Loewe nicht nostalgisch auf Piggeldy und Frederick zu reduzieren. Ihr Werk reicht vom analogen Legetrickfilm bis zum historischen Roman, vom plattdeutschen Fernsehkrimi bis zur literarischen Naturbeobachtung. Immer wieder machte sie aus regionalen Stoffen Geschichten, die weit über den Elbe-Weser-Raum hinaus verstanden wurden.
Vom kleinen Trickfilmstudio in Mulsum-Hohenmoor über den „Tatort“ an der Unterelbe und die Moor- und Oste-Geschichten bis zu „Kater Carlo“ im Jahr 2026 zieht sich dabei eine erstaunlich klare Linie: genau hinsehen, genau zuhören und im vermeintlich Kleinen die große Geschichte entdecken.
Quellen und weiterführende Hinweise
Hinweis zur Quellenlage: Produktionsdaten und Werkangaben wurden nach Möglichkeit mit offiziellen Archiven, Verlags- und Museumsquellen abgeglichen. Erinnerungen ehemaliger Beteiligter an einzelne „Teufelsmoor“-Drehorte sind im Text ausdrücklich als Zeitzeugenangaben gekennzeichnet.
Primärquellen, Museen und Verlage
- Museen Stade: „Piggeldy und Frederick. Nichts leichter als das“
- Kunsthaus Stade: Ausstellungsarchiv
- Museen Stade: Franz Winzentsen – „Fake, Figuren und Fiktion“
- Rowohlt Verlag: Elke Loewe und Bibliografie
- Rowohlt Theater Verlag: „Piggeldy & Frederick“ und aktuelle Produktionen
- Unser Sandmännchen: Geschichte der Fernsehserie
- OneGate: „Teufelsmoor“ – sechs Folgen und Restaurierung
- filmportal.de: „Wat Recht is, mutt Recht bliewen“
- Das Erste: Tatort-Archiv – Kommissar Schnoor
- Verlag Fuchs: „Kater Carlo“
- Franz Winzentsen: autobiografische Notizen und Filmprogramm
Fernseh- und Werkarchive
- filmportal.de: „Zwei Tore hat der Hof“
- Deutsches Filmhaus: „Jonny Granat“
- fernsehserien.de: „Onkel Bräsig“ – Stab und Drehbuch-Credits
- TV Wunschliste: „Motiv Liebe – Elenas Lied“
- Lexikon der Fernsehspiele 1978–1987
- fernsehserien.de: Zeitzeugenhinweise zu „Teufelsmoor“-Drehorten
Regionale Quellen
- CNV Medien: Elke Loewe über Recherche und Schreiben
- CNV Medien: der plattdeutsche Tatort in Hadeln
- AG Osteland: Augustenfleth und reale Inspirationsspuren
- AG Osteland: „Simon der Ziegler“ und „Walfänger“
- AG Osteland: Oste-Bücher und Veröffentlichungen
- Chronik der Schwebefähre Osten–Hemmoor
- Fundchronik Niedersachsen: Broberger Friedhof und Elke Loewe
- Landschaftsverband Stade: Elke Loewe und Regionalkrimis