Inhaltlich geprüft und verantwortlich: Frank Willeke
Am 4. September 2026 fiel der rund 80 Meter hohe Abluftkamin des ehemaligen Kernkraftwerks Stade. Bis Ende des Jahres soll das Reaktorgebäude verschwunden sein, für Herbst 2027 ist die Entlassung des Standorts aus der atomrechtlichen Überwachung vorgesehen. Damit endet sichtbar eine Epoche, die 1972 begann. Politisch begann ihr Ende früher – und die Geschichte ist weniger eindeutig, als manche Rückblicke vermuten lassen.
Vom Atomstandort zum Symbol des Ausstiegs
Das Kernkraftwerk Stade ging 1972 in Betrieb. Als E.ON im Jahr 2000 ankündigte, Stade 2003 stillzulegen, war das regional nicht nur eine energiepolitische Nachricht. Beschäftigung, Kaufkraft und die Zukunft des Industriestandorts spielten in der damaligen Debatte eine große Rolle.
Im Juni 2000 einigten sich die rot-grüne Bundesregierung und die Energieversorger auf den Atomkonsens. Das Atomgesetz von 2002 setzte diesen Kurs gesetzlich um. Für Stade waren ab dem 1. Januar 2000 noch 23,18 Terawattstunden Reststrom vorgesehen.
Als Stade am 14. November 2003 vom Netz ging, war diese Reststrommenge noch nicht vollständig produziert. Der Betreiber hätte die Anlage im Rahmen des Konsenses noch weiter betreiben können.
Politischer Ausstieg oder betriebswirtschaftliche Entscheidung?
Die Bundesregierung stellte Stade als wichtigen sichtbaren Schritt ihres Atomausstiegs heraus. E.ON begründete den konkreten frühen Abschaltzeitpunkt dagegen ausdrücklich mit wirtschaftlichen Gründen. Bereits im Herbst 2000 hatte der Konzern die Stilllegung angekündigt; als Gründe wurden unter anderem die geringe Größe des Kraftwerks, Überkapazitäten und der Preisdruck auf dem liberalisierten Strommarkt genannt.
Eine Bundestagsdrucksache von 2003 hält ebenfalls fest, dass E.ON wirtschaftliche Gründe genannt hatte und Stade vor Ausschöpfung seiner Reststrommenge vom Netz ging.
Beides kann gleichzeitig zutreffen: Der Atomkonsens gab den politischen Rahmen vor. Der konkrete Zeitpunkt in Stade wurde vom Betreiber früher gewählt, als es der Reststromrahmen verlangte. Gerade dadurch wurde Stade zum politisch besonders geeigneten Symbol.
Die Grünen feiern in Stade – was wurde tatsächlich mit Steuergeld bezahlt?
Am 20. November 2003 veranstalteten Bündnis 90/Die Grünen in Stade ein sogenanntes Ausstiegsfest. Rund um die damaligen Feiern entstand heftige Kritik an den Kosten. Dabei werden bis heute zwei Veranstaltungen miteinander vermischt.
Die Bundesregierung erklärte auf parlamentarische Anfrage ausdrücklich: Die Veranstaltung der Grünen in Stade wurde vom Bundesumweltministerium weder organisiert noch finanziert. Für eine Finanzierung der Stade-Veranstaltung aus dem Bundeshaushalt findet sich in diesen Unterlagen also kein Beleg.
Sehr wohl aus Haushaltsmitteln finanziert wurde ein eigener Empfang des Bundesumweltministeriums am 14. November 2003 in Berlin. Die Endabrechnung betrug 30.418,07 Euro netto. Davon entfielen nach Angaben des Ministeriums unter anderem 12.500 Euro auf Künstlerhonorare sowie Auf- und Abbau von Technik, 7.611,06 Euro auf Bewirtung einschließlich anteiliger Miet- und Personalkosten und 8.520,03 Euro auf Agentur, Moderation, Personal, Raummiete und Technik. Die Kosten wurden aus dem Etat für Öffentlichkeitsarbeit bezahlt.
Zusätzlich ließ das Bundesumweltministerium anlässlich der Abschaltung bundesweit Anzeigen und Online-Banner schalten. Dafür wurden damals rund 191.000 Euro netto genannt.
Die damalige Kontroverse bleibt interessant: Die Bundesregierung bezeichnete dies als legitime Information über die Energiewende. Kritiker im Bundestag sahen politische Selbstdarstellung auf Staatskosten. Eine seriöse Rückschau muss aber die staatlich finanzierte Berliner Veranstaltung und die Grünen-Feier in Stade auseinanderhalten.
Der Rückbau dauerte länger als frühe Erwartungen
Zu Beginn wurde teilweise von zehn bis zwölf Jahren bis zur „grünen Wiese“ gesprochen. Tatsächlich läuft der Rückbau seit 2005. 2025 begann der Rückbau des Reaktorgebäudes, im September 2026 fiel der Abluftkamin. Nach aktuellem Stand soll das Reaktorgebäude Ende 2026 verschwunden sein und der Standort im Herbst 2027 aus der atomrechtlichen Überwachung entlassen werden.
Auch bei den Kosten haben sich die Größenordnungen verändert. Anfang der 2000er-Jahre wurden etwa 500 Millionen Euro genannt. Der NDR schreibt heute, der Rückbau eines Kraftwerks wie Stade koste mehr als eine Milliarde Euro. Wegen unterschiedlicher Preisstände und Kostenabgrenzungen sind die Zahlen nicht eins zu eins vergleichbar – sie zeigen aber, wie lang und teuer nuklearer Rückbau ist.
Das Kraftwerk verschwindet – der radioaktive Abfall bleibt
Auf dem Standort befindet sich weiterhin das Abfall-Zwischenlager Stade. Dort werden schwach- und mittelradioaktive Abfälle aus Betrieb und Rückbau gelagert. Das Lager nahm im Juli 2007 den Betrieb auf und wird seit 2020 von der bundeseigenen BGZ betrieben.
Die ursprüngliche Genehmigung sieht die Zwischenlagerung bis zur Abgabe an ein Bundesendlager vor, höchstens jedoch für 40 Jahre ab Aufnahme des Einlagerungsbetriebs. Rechnerisch reicht dieser Rahmen damit bis 2047. Ziel ist die Abgabe an das Endlager Konrad bei Salzgitter. Während früher häufig 2027 als Startpunkt genannt wurde, spricht die BGZ inzwischen von einer voraussichtlichen Inbetriebnahme Anfang der 2030er-Jahre.
NOIO-Einordnung: Das Ende des AKW Stade ist weder die Erfolgsgeschichte nur einer politischen Seite noch eine rein wirtschaftliche Fußnote. Es ist die Geschichte eines politisch beschlossenen Ausstiegs, einer vorgezogenen Unternehmensentscheidung, einer stark inszenierten Symbolpolitik, eines jahrzehntelangen Rückbaus – und einer Entsorgungsfrage, die bleibt.
Quellen:
NDR: aktueller Rückbaustand
Bundestag, Drucksache 15/2148
Bundestag, Drucksache 15/2213
Bundestag, Drucksache 15/2272
BMUKN: Reststrommengen
Niedersächsisches Umweltministerium: Zwischenlager Stade