Die Sperrung des Wohnhauses Grünendeicher Straße 2 hat das Altländer Viertel erneut in den Mittelpunkt gerückt. Schwarzer Schimmel, fehlendes fließendes Wasser und keine funktionierende Heizung: Die Stadt Stade erklärte das achtgeschossige Gebäude am 8. September für unbewohnbar. Die verbliebenen Bewohner wurden anderweitig untergebracht.
Der Fall ist drastisch. Er ist aber weder die ganze Geschichte des Altländer Viertels noch lässt er sich losgelöst von dessen Entwicklung betrachten.
Probleme reichen weit zurück
Dass das Quartier mit sozialen und baulichen Schwierigkeiten zu kämpfen hat, ist keine neue Entwicklung. Bereits Ende der 1990er Jahre stand das Altländer Viertel kommunalpolitisch und auch bundesweit medial in der Diskussion. Ein Spiegel-TV-Beitrag aus dieser Zeit zeichnete ein ausgesprochen negatives Bild des Stadtteils. Solche Fernsehbilder haben den Ruf des Viertels über viele Jahre mitgeprägt.
Unabhängig von dieser damaligen Berichterstattung gibt es belastbare öffentliche Dokumente: Das Gesundheitsamt Stade stellte bereits 1998 bei Kindern aus dem Viertel unter anderem Defizite beim Impfschutz fest und begann anschließend mit gezielten Informations- und Impfmaßnahmen. 1999 bewarb sich Stade mit dem Altländer Viertel für das neue Förderprogramm „Soziale Stadt“ und wurde noch im selben Jahr aufgenommen.
Die erste Sozialstudie im Auftrag der Stadt folgte 2000. Sie sollte eine sich abzeichnende Abwärtsspirale stoppen und zugleich die vorhandenen Möglichkeiten des Viertels sichtbar machen.
Ein Viertel hat sich trotzdem verändert
Wer nur alte Fernsehbilder und aktuelle Problemfälle nebeneinanderlegt, übersieht einen wichtigen Teil der Entwicklung. Die Hansestadt Stade zieht in ihrem Abschlussbericht zur Quartierserneuerung nach rund einem Vierteljahrhundert eine differenzierte Bilanz: Das ehemalige Laubenganghaus wurde durch ein Neubaugebiet ersetzt, aus einer früheren Sparkassen-Filiale entstand mit dem ALVI ein Stadtteilzentrum, Grünflächen wurden erneuert und soziale Angebote ausgebaut.
Auch die Sozialstudie wurde später fortgeschrieben. Nach Angaben der Stadt verbesserte sich die wahrgenommene Wohnqualität deutlich. Gleichzeitig blieben soziale Herausforderungen bestehen. Die Stadt weist außerdem darauf hin, dass das Bild einer besonders hohen Kriminalität zum Teil von wenigen Mehrfachtätern und einer über Jahre gewachsenen Wahrnehmung geprägt wurde.
Neue Wohnungen auf der einen, unbewohnbares Haus auf der anderen Seite
Wie widersprüchlich die Situation ist, zeigt auch die aktuelle Bautätigkeit. Am Rand des Viertels entstehen derzeit 14 sogenannte Power Townhouses mit insgesamt 68 neuen Wohneinheiten. Das Projekt soll bezahlbaren Wohnraum mit moderner und energieeffizienter Bauweise verbinden.
Nur wenige Wochen später musste die Stadt an anderer Stelle ein bestehendes Gebäude wegen menschenunwürdiger Wohnverhältnisse sperren. Gerade dieser Gegensatz macht deutlich: Die Entwicklung eines Quartiers lässt sich nicht mit einem einzigen Schlagwort erklären.
Stadt will Wohnraummissbrauch stärker kontrollieren
Nach Angaben des WOCHENBLATTs arbeitet die Hansestadt gemeinsam mit dem Landkreis Stade und der Polizei an einem Konzept gegen Wohnraummissbrauch. Dabei soll stärker überprüft werden, ob Immobilienbesitzer ihre Pflichten erfüllen und menschenwürdige Wohnbedingungen sicherstellen.
Wichtig bleibt bei jeder Diskussion die Verhältnismäßigkeit: Rund 3.000 Menschen leben im Altländer Viertel. Die große Mehrheit lebt dort friedlich. Wer Missstände benennt, sollte deshalb zwischen problematischen Immobilien, einzelnen Vorfällen und den Bewohnern eines ganzen Stadtteils unterscheiden.
Quellen und Hintergrund
- Kreiszeitung WOCHENBLATT: Sperrung des Wohnhauses Grünendeicher Straße 2
- Hansestadt Stade: „Ein Stadtteil im Wandel“ – Abschlussbericht zur Quartierserneuerung
- Robert Koch-Institut: Bericht des Gesundheitsamtes Stade über Maßnahmen im Altländer Viertel
- Viebrockhaus: neue Power Townhouses in Stade
- Archivhinweis: Spiegel-TV-Beitrag über das Altländer Viertel auf YouTube
Hinweis: Der online verfügbare Spiegel-TV-Mitschnitt wird hier als zeitgeschichtliches Medienzeugnis genannt. NOIO übernimmt weder dessen damalige Wortwahl noch pauschale Bewertungen des Stadtteils. Das exakte Produktionsjahr des verlinkten Uploads ist aus den verfügbaren Metadaten nicht zweifelsfrei feststellbar; deshalb wird im Text bewusst von „Ende der 1990er Jahre“ gesprochen.